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Düsseldorfer Autorinnen der Gegenwart in memoriam

Vita

  • Am 25. November 1935 wurde sie in Mühlheim geboren; die Eltern starben früh, so dass sie bei Nonnen aufwuchs.
  • Sie absolvierte mehrere Ausbildungen, u. a. die der stattlich geprüften Hausangestellten und der Industriekauffrau.
  • Seit 1977 lebte sie in Düsseldorf und arbeitete zunächst als Stationsschwester in der Universitätsklinik und schließlich bis 1995 als Pflegedienstleiterin.
  • Ab 1995 führte sie zusammen mit ihrem Ehemann Gunther Büning, ebenfalls Schriftsteller, in der Privatwohnung, Collenbachstraße 2, einen literarischen Salon. Nach dessen Tod erweitete sie im Februar 1996 den Salon als „KunstLive Salon“ zu einem Literatur-, Kunst- und Musik-Salon mit der Zielsetzung: „Ich wollte einen sozialen Salon anbieten und nicht nur einer elitären Schicht Kunst erfahrbar machen“ (RP, 16.06.1998). Die Distanz zwischen AutorInnen und Publikum baute sie in einer interaktiven Atmosphäre ab. Neben den bekannten Namen bekamen vor allem junge Talente ihre Chance, im Salon vorzutragen, zu singen oder Bildwerke auszustellen. Der zweimonatliche Rhythmus forderte ihr viel Engagement und Ideenreichtum ab, da viele Salonabende mit einem besonderen Themenschwerpunkt stattfanden, wie Internationalität („Kunst kennt keine Grenzen“), Deutsch-Russischer Abend, vielfältige Stimmen aus Osteuropa, Lyrik der Postmoderne, Salonkultur gestern und heute etc.
  • Die Verbindung mit dem Verleger Georg Aehling und seiner „Edition XIM Virgines“ ermöglichte es Elisabeth Büning-Laube, den bei ihr lesenden Autorinnen und Autoren durch die Herausgabe ihrer Texte eine bleibende literarische Plattform zu bieten. Sie entwickelte die Buchreihe „KunstLive“, die auf 16 Bände anwuchs (s. u.) und die die bildende Kunst in die Gestaltung der Bände stets einbezog.
  • Ihre eigenen Texte, im Schwerpunkt Lyrik und Kurzprosa, sind von einer sehr eigenen, bildreichen und sensiblen Sprachkraft bestimmt und umkreisen die Themen: Begegnung mit Menschen, die Macht der Natur, Traumatisierung durch Krieg und Engagement für und Sehnsucht nach Frieden (vgl. auch die hier wiedergegebenen Rezensionen).
  • Multimedial wie ihr Salon war sie selbst; sie malte mit besonderer Leidenschaft in Aquarell.
  • Elisabeth Büning-Laube wurde zu vielen Lesungsterminen auch außerhalb von Düsseldorf eingeladen. Im Juli 2001 war sie Autorin des Monats am Literaturtelefon des Literaturbüros NRW.
  • Am 4. Januar 2005 starb sie nach längerer, schwerer Krankheit.
  • Elisabeth Büning-Laube sah ihren Salon u. a. in der Tradition des Salons (1830-39) von Karl Leberecht Immermann, Autor und Theaterleiter in Düsseldorf, und seiner Lebensgefährtin Elisa Gräfin von Ahlefeldt, deren Landhaus, das Collenbachsche Gut, auf dem Gelände der heutigen Collenbachsraße lag.
  • Büning-Laubes Aktivitäten inspirierten ihrerseits zwei Salon-Neugründungen in Düsseldorf. Der von Dorothee Göring-Weitz seit 2003 geleitete „Literarische Teesalon“ der Evangelischen Kreuz-Kirchengemeinde verdankt ihr „sehr viele Impulse und Anregungen“ (Gemeindebrief kontakt 3/2013). Die Lyrikerin Konstanze Petersmann, die ihre erste Buchveröffentlichung 2004 der „KunstLive“ Edition verdankte, startete ihren Salon „Kunstsinn“ 2006, ein Jahr nach Elisabeth Büning-Laubes Tod, jedoch mit einer anderen, an der Hochkultur ausgerichteten Zielsetzung.

Elisabeth Büning-Laubes Nachlass befindet sich im „Rheinischen Literaturarchiv“ des Heinrich-Heine-Instituts Düsseldorf.

Zur Gedenkseite zum 10. Todesjahr der Autorin

Publikationen

Lyrik

  • Geflochtene Zeit. Lyrik. Hrsg. von Daniela Müller. Vorwort von Wilhelm Gössmann. Düsseldorf : Edition XIM Virgines, 2004. Reihe: KunstLive 16
  • Bindestriche. Lyrik und Kurzprosa. 13 Farbabbildungen von Gepa Klingmüller. Düsseldorf: Edition: XIM Virgines, 2002. Reihe: KunstLive 9
  • SpiegelSplitter. Lyrik. Hrsg. von Holger Ehlert; Aquarelle von Ursula Aehling. Nachwort von Georg Aehling: Renaissance oder Erneuerung der Salonkultur? Düsseldorf: Edition XIM Virgines, 2001. Reihe: KunstLive 3 (2. Aufl. 2001)

Herausgeberschaft

  • Petersmann, Konstanze: Spiegeltraum. Lyrik. Mit 11 Collage-Zeichnungen von Renate Wiesemann-Fuchs. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Edition XIM Virgines, 2004. Reihe: KunstLive 15
  • Schmitter, Frank: Das leichte Leben. Erzählung. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Edition XIM Virgines, 2004. Reihe: KunstLive 14
  • Farbbogen: Anthologie. 7 Jahre KunstLive. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Edition XIM Virgines, 2003. Reihe: KunstLive 13
  • Schmitter, Frank: Grenzverletzungen. Erzählungen. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Mit Zeichnungen und Skulpturenfotos von Fulvio Pratesi. Verlag Edition XIM Virgines 2003. Reihe: KunstLive 12
  • Klink, Isabel: Augapfelscherben. Lyrik. Mit fotografischen Arbeiten von Michael Georg Bregel. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Edition XIM Virgines 2002. Reihe: KunstLive 11
  • Klingmüller, Gepa: Farbgedanken. Lyrik. Mit Abbildungen eigner bildnerischer Werke. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Edition XIM Virgines 2001. Reihe: KunstLive 8
  • Wohlfeil, Ellinor: Verwässerte Zeugnisse. Roman. Mit Acrylgemälden von Ursula Kreuer. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Edition XIM Virgines 2001. Reihe: KunstLive 7
  • Bregel, Michael Georg: Die Farben Grau. Erzählung. Mit Fotografien des Autors. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Edition XIM Virgines 2001. Reihe: KunstLive 6
  • Hüsgen, Clemens: Ein Herr namens Quichotte. Kurzprosa, Essays, Lyrik. Illustration: Elena Wohlreich. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Edition XIM Virgines 2001. Reihe: KunstLive 5
  • Schmitter, Frank: Der Atem der Schlittenhunde. Lyrik. Mit dem Bilderzyklus ‚Die leeren Stühle’ von Richard Zeuner. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Edition XIM Virgines 2001. Reihe: KunstLive 4
  • Müller, Titus: Sturmtag. Lyrik. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Düsseldorf: Edition XIM Virgines, 2000. Reihe: KunstLive 2
  • Hoheisel, Elisabeth: Hebels Strategie. Kurzprosa und ein Hörspiel. Hrsg. von Elisabeth Büning-Laube. Mit Zeichnung von E. Hoheisel. Düsseldorf: Edition XIM Virgines, 2000. Reihe: KunstLive 1

Pressestimmen zum Salon „KunstLive“

Rauchzeichen statt Geburtstagskuchen
Ein Name als Programm: Seit sieben Jahren bietet der Salon „KunstLive“ Autoren und Künstlern ein Forum. Jetzt wurde gefeiert.

Es gab etwas zu feiern am Valentinstag im Salon „KunstLive“ in der Collenbachstraße, nämlich ein siebenjähriges Engagement für Literatur und Kunst. Zu verdanken ist das Elisabeth Büning-Laube, die mit ihrem Salon eine Nische gefunden hat: In einer privaten Öffentlichkeit können bekannte und weniger bekannte Autoren und Künstler mit einem breit gestreuten und eingeschworenen Publikum zusammenkommen.

Den literarischen Teil des Abends bestritten Elisabeth Büning-Laube, Elena Geifmann, Frank Schablewski mit Lyrik und Wilhelm Gössmann mit der Erzählung „Südliche Landschaften“. Musikalische Akzente setzte Marc Gurek, der Stücke von Tarréga und Piazzolla auf der klassischen Gitarre spielte.

Elisabeth Büning-Laube, die ihre Texte im Duett mit der Schauspielerin Miriam Wiesemann vortrug, beeindruckte in ihrer verknappten Sprache mit „Brandliedern“ und mit Antikriegsgedichten, die wie Rauchzeichen eine Botschaft geben. Darunter waren Gedichte aus ihren Büchern „SpiegelSplitter“, „Bindestriche“ und neue Texte wie ihr Saddam-Gedicht.

Doch ob die Rauchzeichen noch gehört werden? Die Jüngste unter den Vortragenden, Elena Geifmann, war romantisch gestimmt und beschwor den „weißen Engel süchtig nach Dunkel/und den schwarzen Engel süchtig nach Licht“. Frank Schablewski dagegen experimentierte mit der Sprache. In jedem Text stecken, je nach syntaktischer Fügung und entsprechender Lesung, mindestens zwei Texte. In seiner Lesung verband sich die Abstraktionsleistung mit der Sprachmagie.

Wie so oft schon setzte Wilhelm Gössmann einen schwergewichtigen Akzent. In den „Südlichen Landschaften“ führte er, der stets auch an den Norden denkt, seine Hörer ans Mittelmeer. Hier empfindet er „die Religion der alten Ölbäume, die silberblättrig in der Mittagssonne“ liegen. Mit Gössmann gelangten die Hörer schließlich zu den mythischen Stätten, die den Griechen so viel bedeuteten. Man lauschte den Erzählungen von Aphrodite, der fesselnden Kalypso und Dido, der sagenhaften Gründerin Karthagos.

Jede Veranstaltung im Salon setzt auch einen künstlerischen Akzent. Modern in der Wirkung, uralt in der Technik sind die „Marmorpapiere“ von Julia Lore Knierim. Auf feuchtem Marmoriergrund, der aus einer Meeresalge gewonnen wird, werden Farbmischungen aufgetragen. Dabei entstehen feine Maserungen, Linien und Strukturen in einer Technik, wie sie erstmals im alten China entwickelt wurde.

Man darf also neugierig auf die Anthologie sein, mit der die sieben Jahre Salon „KunstLive“ demnächst in der Edition XIM Virgines mit Beiträgen der Salon-Autoren dokumentiert werden sollen.

(Wulf Noll in: Westdeutsche Zeitung, 17. Februar 2003)

Feuerwerk und neue Texte im Salon über dem Geldinstitut

Das siebenjährige Jubiläum von „KunstLive“ wird groß gefeiert. Neue Stühle stehen schon auf dem Dachboden.

PEMPELFORT. Die Sieben ist für Elisabeth Büning-Laube eine Glückszahl, und deshalb plant sie das siebenjährige Bestehen von „KunstLive“ am 14. Februar ganz groß. Sofern die Stadt es erlaubt, will sie von ihrem Mini-Balkon über der Deutschen Bank am Dreieck ein Feuerwerk steigen lassen. Frank Schablewski, ihre „Entdeckung“, wird Lyrik zum Besten geben. Und Professor Wilhelm Gössmann bringt eine neue Erzählung heraus, eine „positive Liebesgeschichte“, wie er sie nennt, eine Liaison zwischen den beiden Ländern in NRW. Ausgerechnet bei ihr, im Wohnzimmer neben dem Aquarium und dem neuen Mischpult, will er „Anna und Christoff“ vorstellen, die Erzählung von der Rheinländerin und dem Westfalen. Und da Gössmann belesen ist, wird auch Widukind eine Rolle spielen, der Karl den Großen zum Patenonkel hatte.

Mit Gössmann hatte für Elisabeth Büning-Laube alles angefangen. Die 66-Jährige war Besucherin in seinem Schreibseminar. Er gab ihr den ungewöhnlichen Rat, nicht zu bleiben, weil sie schon alles könnte. Gössmann zur WZ: „Eine schwierige, aber intelligente Frau. Ich berate sie, damit die Dinge richtig laufen.“

Der Lebensweg der gebürtigen Mülheimerin ließ nicht darauf schließen, dass sie einen literarischen Salon nach Düsseldorf bringen würde. Sie wuchs nach dem frühen Tod der Eltern bei Nonnen auf, musste dann aber die Unterstützung zurückzahlen, weil sie keine Nonne werden wollte. Bei einem Bauern verdingte sie sich als staatlich geprüfte Hausgehilfin, gründete ein Moselkern einen Theaterverein („damit dort irgend etwas los ist“), wurde Haushälterin in einem Soester Mädchen-Wohnheim, machte den Abschluss in Abendkursen an der Höheren Handelsschule und verdingte sich schließlich als Stationsschwester an den Universitätskliniken in Düsseldorf.

1996 ließ sie erstmals Künstler in ihrem „Salon“ auftreten. Sie nennt ihr Etablissement „eine warme Nische für Alt und Jung, Autodidakten und Profis.“ Inzwischen gibt es neue Stühle, die sie auf dem Dachboden stapelt, und eine Homepage, die ihr ein Nachbar einrichtete. Seit drei Jahren ist „KunstLive“ ein eingetragener Verein, seit zwei Jahren bekommt sie einen Zuschuss vom Kulturamt (bislang 3000 Mark).

Ihr Salon ist bescheiden. Der Abtreter ins Haus ist abgewetzt, ihr Wohnraum kunterbunt mit Krimskrams bestückt. Bilder baumeln an windschiefen Fäden von einer neuen Bildleiste herab. Aber die Leute lieben dieses Milieu. 15 Künstler stehen auf der Ausstellungsliste, 28 Leute wollen lesen und sechs musizieren. In der „großen Pause“ gibt es Getränke und Käsehäppchen in der Küche. Und vor allem Gespräche. „Künstler sollen nicht vor sich hin dümpeln, sondern sich solidarisieren“, sagt sie. Dank des Kulturamtes kann sie ihnen sogar eine Gage zahlen.

Michael Serrer vom Literaturbüro, der schreibende Arzt Niklas Stiller, Elisabeth Ulrich und Margot Schroeder sowie der Musiker Bernd Wiesemann mit seinem „Kinderklavier“ traten auf. Wiesemann über Büning-Laube: „Eine sehr skurrile Frau. Solche Typen sterben einfach aus. Ihre Lyrik ist sehr schön.“

(H. M. in: Westdeutsche Zeitung, Februar 2003)

Ein Salon für Maler, Musiker und Literaten

Elisabeth Büning-Laube (66) fördert Künstler

Sie hat immer geschrieben, Lyrik und Theaterstücke. Doch erst relativ spät, fasste sie den Mut, ihre Arbeiten auch öffentlich zu präsentieren. Ihr Mann Gunther, den sie mit 59 Jahren heiratete, unterstützte sie dabei. Doch Elisabeth Büning-Laube tat noch mehr: „Ich habe den Kulturbetrieb immer als sehr kalt empfunden, wusste aber nicht recht, was ich dagegen machen könnte“, sagt sie. „Als ich dann zu meinem 60. Geburtstag zu Hause Künstler präsentierte, baten mich meine Gäste, das fortzuführen. So wurde ‚KunstLive’ geboren.“

Bereits seit rund sieben Jahren lädt die zierliche Salonière mit dem flammend-roten Haar und den grünen Augen zum Kunstsalon in ihre Wohnung an der Collenbachstraße ein. „Ich will für die Künstler, ob Musiker, Maler oder Literaten eine warme, freundliche Umgebung schaffen“, sagt Elisabeth Büning-Laube. „Sie sollen alle die gleichen Chancen haben, ob sie nun jung oder alt, Autodidakten oder studierte Künstler sind.“ Deshalb stellt sie ihre Gäste immer nur namentlich vor und überlässt es dem Publikum, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Über Düsseldorf hinaus bekannt

Die Abende, bei denen sie auch mit Getränken und kleinen Speisen für eine charmante Atmosphäre sorgt, sind stets gut besucht. Während sie zu Beginn von „KunstLive“ ihre Vortragsgäste im Literaturcafé Schnabelewopski oder, wie sie sagt, „auf den Hinterhöfen“ fand, bewerben sich die Künstler mittlerweile bei ihr. Der Salon wird vom Kulturamt der Stadt gefördert und ist inzwischen über die Grenzen Düsseldorfs hinaus bekannt. „Ich hatte im Sommer das Glück, „KunstLive“ im renommierten Berliner Literaturhaus an der Fasanenstraße vorstellen zu können“, berichtet sie mit leuchtenden Augen. „Nun soll ich zumindest ein Mal im Jahr dort meine Leute präsentieren.“ Ein weiterer Erfolg macht die Dame, die stets in Begleitung von Dackeldame Monky auftritt, stolz. Denn mit ihrer Lyrik wurde sie in der Frankfurter Bibliothek der Brentano-Gesellschaft und Goethe-Akademie aufgenommen.

13 Bücher digital verlegt

Die Freude daran, Künstlern ein Forum zu geben, führte sie vor zwei Jahren über die Live-Präsentation hinaus. „Ich hatte vom digitalen Verlegen gehört und wollte gerade denen einen Chance geben, die es auf dem freien Buch-Markt nicht leicht haben“, erzählt sie. So wurde Elisabeth Büning-Laube Verlegerin. 13 Bücher unbekannter Autoren, allesamt schön illustriert, hat sie gemeinsam mit dem Düsseldorfer Lehrer Georg Aehling in ihrer „Edition XIM Virgines“ herausgebracht.

Derzeit schreibt Elisabeth Büning-Laube an einem Roman: „Er handelt von einer Existenz zwischen den Fronten, etwa von Kirche und Gesellschaft“, berichtet sie. Also auch irgendwie von ihr. Denn Elisabeth Büning-Laube wuchs während des zweiten Weltkriegs auf, wurde von Nonnen erzogen, studierte dann Theologie und gründete bereits während ihrer Krankenpflege-Ausbildung in Essen einen gemischten Jugendclub für Kultur. Je kontrastreicher desto besser, sei schon damals ihr Motto für das Programm gewesen, erzählt sie. Eine Maxime, die auch heute noch für „KunstLive“ gilt.

(Deniz Karius in: Rheinische Post, 23. November 2002)

Salonkultur zwischen Sofa und Aquarium

Alle zwei Monate bittet Elisabeth Büning-Laube Kunstinteressierte zu „KunstLive“. Dann verwandelt sich ihr Wohnzimmer in einen „Salon“, und es finden Lesungen statt.

DERENDORF. „Kunst sollte für jeden erreichbar sein.“ Elisabeth Büning-Laube hat sich eben dieses Motto zum Ziel gemacht. Seit Jahren ist die 65-Jährige selbst als Schriftstellerin und Malerin aktiv, hielt im Schnabelewopski, in Berlin und in ihrem eigenen Wohnzimmer Lesungen.

Denn um Kunst nicht nur der Szene, sondern auch außenstehenden Kunstinteressierten zugänglich zu machen, hat sie vor sechs Jahren den ersten „offenen Salon“ in Deutschland initiiert und ihre eigene kreative Arbeit dafür eingeschränkt. „Es ist meist so, dass der Künstler auf dem Olymp thront und der Zuschauer weit von ihm getrennt ist. Kunst fehlt oft die Wärme.“ Dieses Gefühl kennt die quirlige Rentnerin selbst nur zu gut. Ihr sei es zunächst bei Besuchen von Lesungen oder Galerien nicht anders ergangen. „Man durfte nie sagen, was man denkt, noch nicht einmal nachfragen, was denn die eigentliche Aussage des Textes oder jeweiligen Bildes sei.“

Diese Hürde braucht in ihrem „Kunstsalon“ niemand zu fürchten. Denn bei Elisabeth Büning-Laube wird Kunst in privater, nahezu familiärer Atmosphäre geboten. Alle zwei Monate verwandelt sich ihr Wohnzimmer in ein Forum für junge aber auch bekannte Künstler wie zum Beispiel Wolfgang Fischer vom WDR oder Germanistikprofessor Wilhelm Gössmann. Zwischen Aquarium, Sofa und Klavier werden Bilder ausgestellt, Lesungen gehalten und musiziert.

Die Idee zur Wiederbelebung der Berliner Salon-Kultur des 18. und 19. Jahrhunderts kam der Rentnerin zu ihrem 60. Geburtstag. Unter den Gratulanten waren zahlreiche junge Künstler, die ganz spontan den Abend gestalteten und literarische Beiträge vortrugen. „In den folgenden Wochen haben mich zahlreiche Gäste gefragt, ob ich solche Abende nicht häufiger veranstalten könnte.“

Im Februar 1995 lud die 65-Jährige dann zur ersten Salonveranstaltung „KunstLive“ in ihre Wohnung an der Collenbachstraße ein. „Das private Ambiente macht den Saloncharakter aus.“ In dem kleinen, gemütlichen Wohnzimmer - maximal 40 Gäste haben Platz - wird bei Wein, Wasser, Gebäck und Käsehäppchen ungezwungen miteinander diskutiert. Vor den jeweiligen Veranstaltungen spricht Elisabeth Büning-Laube die Texte mit den Künstlern durch und bietet Leseübungen an. „Es ist ja entscheidend, wie man seinen Text vorträgt.“ […]

(Wibke Op den Akker in: Westdeutsche Zeitung, 1. November 2001)

Echt lang: der 620-Wörter-Satz – KunstLive stellt regelmäßig bekannte und weniger bekannte Künstler vor

Das Wohnzimmer an der Collenbachstraße ist mit Stühlen voll gestellt. Immer wieder klingelt es, kommen neue Besucher, die von der Gastgeberin des Abends, der Düsseldorfer Autorin und Malerin Elisabeth Büning-Laube und ihrer Dackelhündin Monky begrüßt werden. Der musische Abend bei KunstLive, dem Verein der 65-Jährigen, lockt jeden zweiten Monat viele Kulturinteressierte an.

An diesem Freitagabend sind es rund 50 Gäste, die das Angebot nutzen zwanglos zusammenzukommen, sich untereinander, aber vor allem mit den auftretenden Künstlern auszutauschen. Seit fünf Jahren gibt es den Verein, der die Tradition des Berliner Salons des 18. und 19. Jahrhunderts aufgreift. „Ich sage absichtlich nichts zu den auftretenden Personen“, erklärt die Salonière zu Beginn des Abends. „Jeder, ob bekannt oder unbekannt, soll gleichwertig neben dem anderen stehen.“ Dann trägt sie ein kurzes Gleichnis vor, das von einer noch jungen Geschichte erzählt.

Das Programm ist vielfältig: Für den musikalischen Rahmen sorgt Martin Schliwa mit Vivaldis Sonate Nummer acht. Neben bildhafter Lyrik von Manuela Villwock gibt es Prosa des Düsseldorfer Autors Werner Stammerjohann, der aus dem Leben der französischen Katzendame Hedoné berichtet. Elke Jürgens erläutert unter anderem ihre im Wohnzimmer der Gastgeberin ausgestellte dynamische Acrylmalerei. Und Georg Aehling trägt den aus nur einem Satz mit 620 Wörtern bestehenden Text „Der Dienstmann“ vor. Das virtuose, wortwitzige Porträt von einem, der es versteht sich allen angenehm zu machen und damit Macht über sie zu gewinnen, entwickelt durch den raschen Vortrag des Autors eine hohe Sogwirkung, die die Absicht des Textes illustriert.

„Im Badezimmer sind die Getränke und in der Küche stehen die Häppchen“ lädt Elisabeth Büning-Laube zur Pause ein. Im familiären Rahmen kommen die Besucher rasch miteinander ins Gespräch. Und auch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung bleiben noch viele. Manch einer kauft ein Buch, denn seit September vergangenen Jahres engagiert sich Elisabeth Büning-Laube als Herausgeberin. Sechs aufwändig und liebevoll gestaltete Bücher sind in der Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Verleger, Autor und Lehrer Aehling bereits entstanden.

(Deniz Karius in: Rheinische Post. Stadtteilnachrichten Düsseldorf-Mitte, 24. April 2001)

Punks und Poeten treffen sich im Salon

Elisabeth Büning-Laube lässt eine Tradition aufleben

Die Salonière hat Fotos rausgekramt: Da stehen Autoren am Rednerpult, sitzt ein Herr am Kontrabass, ein Pianist haut in die Tasten. Da sind bekannte Düsseldorfer - Autoren wie Klas E. Ewerwyn und Jens Prüss, ein anderes Bild zeigt eine Punkband. „Meine Künstler“, sagt Elisabeth Büning-Laube, die in ihrer Wohnung ein Mini-Jubiläum feiert. Vor fünf Jahren gründete sie ihren Salon „KunstLive“. Seither treffen sich an der Collenbachstraße die unterschiedlichsten Kultur-Gesichter: Poeten, Maler, Musiker, Tänzer, Theaterleute.

Auf einem geschichtsträchtigen Fleck: Schon im 19. Jahrhundert tummelten sich auf Gut Collenbach berühmte Köpfe wie Felix Mendelssohn-Bartholdy und Carl Friedrich Lessing. Als Gäste des Theaterleiters Karl Immermann.

Es gibt Tage, an denen hat der Mensch eine gute Idee. Bei der malenden, schreibenden Elisabeth Büning-Laube war so einer der 60. Geburtstag. Damals waren befreundete Künstler zu Gast, die aus neuen Büchern und Gedichten lasen. Eine Werkschau im kleinen Kreis. „Das müsste öfter so sein“, dachte sich Büning-Laube, im Kopf das Ideal der Eltern, „jeder Bürger muss die Möglichkeit haben, Kunst zu genießen.“

Kurz darauf hatte sie die erste Veranstaltung aus dem Wohnzimmerboden gestampft. Ein Stelldichein mit Lyrikern, da saßen zwischen Regalen und Schränken bereits erste Gäste. Dann wurde Nikolaus Lenaus Faust vorgetragen, gaben sich Professoren wie Wilhelm Gössmann die Ehre. Klaus Grabenhorst sang Chansons, dazu gab’s Aquarelle, Fotokunst, Radierungen zu sehen. So richtig voll wurde es bei dem Konzert der „Public Toys“. Mit denen hatte Büning-Laube kurzerhand eine fünfköpfige Punkband engagiert. Unter Vorbehalten, „ich hab’ gedacht, die hauen mir die Möbel kaputt.“ Nichts dergleichen. Punks und Poeten vestanden sich prima, auch RTL ließ sich blicken. Geblieben ist der Salonière eine Sektflasche mit verwegenen Knaben drauf: „You’ll never walk alone.“

Seitdem? Vorträge, Kammerspiel, Filme, Tanz - „Schmunzelabende“ mit der Hermann-Harry-Schmitz-Societät. Jeder ist willkommen, kein Künstler kriegt Gage, nach der Show wird diskutiert. „So lernen die Neuen von den Etablierten.“ Viele Talente hätten bei ihr eine Plattform gefunden, erzählt Büning-Laube. Sie orientiert sich an den Berliner Salons von anno dazumal, an Vorbildern wie Rahel Levin, die schon 1790 in der elterlichen Dachwohnung Wilhelm Humboldt, Jean Paul und Friedrich Schlegel empfing.

(Petra Kuiper in: NRZ, 20. April 2001)

Kleines Jubiläum: „Kunst Live“

Fünf Jahre sind kein Jubiläum. Und wer 60 wird, freut sich darauf, bald „die Rente durch“ zu haben.

Als die schreibende und malende Düsseldorferin Elisabeth Büning-Laube 60 Jahre alt wurde, beschloss sie, den Salon „KunstLive“ für alle Künste bis hin zur Kleinkunst in ihrer Derendorfer Wohnung zu gründen. Jetzt wurde im Theatermuseum fünfjähriges Bestehen gefeiert, mit großer Gästeschar, mit Musik, Lesungen, einer Kunstausstellung und den Grußworten von Veronika Dübgen, Kulturpolitikerin und Zweite Vorsitzende des Museums-Freundeskreises.

Ihr Gruß an Elisabeth Büning-Laube war treffende Würdigung: „Ohne Sie wäre Düsseldorfs Kulturleben ärmer“. Georg Aehling, Verleger der Buchreihe „KunstLive“, in der soeben Büning-Laubes Gedichtband „SpiegelSplitter“ erschienen ist (25 Mark), schilderte, auf welch traditionsreichen Grundmauern der junge Salon gebaut ist: Dort, wo die Salonière heute wohnt, stand vor über 150 Jahren das Gut Kollenbach, wo der Schriftsteller und Theaterleiter Karl Leberecht Immermann mit Lebensgefährtin Elisa Gräfin von Ahlefeldt eine „kleine Republik des Geistes und der Künste“ entstehen ließ.

Es gibt also Traditionen in Düsseldorf und Leute, die den Mut haben, sie fortzusetzen.

(Gerda Kaltwasser in: Rheinische Post. Düsseldorfer Feuilleton, 13. Februar 2001)

Gesungene Poesie in fast privater Atmosphäre

Literatursalon „KunstLive“ im Schnabelewopski

ALTSTADT. Vielleicht sahen sie so aus, die Literatursalons um die Jahrhundertwende. Menschen sitzen in gemütlicher Runde rauchend, trinkend und vor allem lachend beisammen. Eine ältere Dame ist Gastgeberin, nimmt Künstler und Gäste in den Arm. Sie gibt dem Ganzen Seele und ein unglaubliche Atmosphäre. Die ältere Dame ist in unserem –neumodischen – Fall die 62 jährige Elisabeth Büning-Laube. Alt ist sie nicht wirklich, denn mit viel Energie organisiert sie alle zwei Monate öffentliche Lesungen von Schriftstellern, bietet ihre Privatwohnung als Podium für Sänger und Künstler jeder Richtung an.

„Es ist mir ein Bedürfnis, Kunst an die Menschen zu bringen, jeder soll sie erleben können, denn sie gibt unglaublich viel“, schildert die zierliche Dame mit roten Haaren. Vergangene Woche hat sie mit ihrem „KunstLive Salon“ erstmals die heimatliche Umgebung verlassen. Im Café Schnabelewopski im Heine-Haus präsentierte sie den Chansonnier Klaus Grabenhorst.

Die Atmosphäre war ähnlich familiär wie in der Privatwohnung in der Collenbachstraße. Elisabeth Büning-Laube begrüßte jeden ihrer Gäste, rückte Tische und Stühle, versuchte den Gästen den Abend so angenehm wie möglich zu gestalten. „Georges Brassens hat wunderschöne Lieder geschrieben, Klaus Grabenhorst singt sie in deutscher Nachdichtung, aber durch seine Übersetzung verlieren sie kaum etwas“, erklärte die Gastgeberin gleich zu Beginn. Nach Lesungen von Burkhard Wischemann, Saskia Fischer und Elisabeth Büning-Laube sang Grabenhorst rund 30 Lieder vom Gorilla, der seine Jungfernschaft an einen Richter verliert, Katzen, Jeanne, in deren kleinem Hexenhäuschen jeder zur Familie gehört, und einem Testament.

„Die Franzosen haben den einzigen Sänger, der ein Mittelding zwischen Gedicht und Lied produziert und somit etwas wie gesungene Poesie kreiert hat“, so Grabenhorst. An manchen Chansons arbeite er mehr als ein Jahr, an den Wortspielen müsse er oft sehr lang feilen, erklärt Grabenhorst.

Der „KunstLive“ Salon soll in Zukunft dreimal im Jahr im Schnabelewopski stattfinden. Am 11. September lädt Elisabeth Büning-Laube wieder zu sich in die Collenbachstraße ein. Gerd Funk, Günther Reuschel und Wolfgang Reinke werden dann unter anderem lesen.

(Nina Forst in Rheinische Post, 30. Juni 1998)

Kennt Kunst keine Grenzen?

Seit zwei Jahren begeistert der ganze private KunstLive Salon

DERENDORF. Es ist ein ungewöhnlicher Rahmen, in dem der KunstLive Salon alle zwei Monate stattfindet: Veranstalterin Elisabeth Büning-Laube räumt ihr Wohnzimmer leer und trägt mit Freunden 60 Stühle hinein, die dann auf engstem Raum aufgestellt werden. fehlen nur noch die Künstler, die die 62jährige Veranstalterin auf Lesungen und Kunstabenden kennenlernt und einlädt. Sind sie eingetroffen, kann der Abend beginnen.

Mit der Eröffnung des KunstLive Salons wollte Elisabeth Brüning-Laube in der sehr privaten Atmosphäre ihres Wohnzimmers zur Überwindung der Distanz zwischen Künstlern und Publikum beitragen. In ihrem Salon sitzen Autoren und Musiker zwischen den Zuhörern. „Ich wollte einen sozialen Salon anbieten und nicht nur einer elitären Schicht Kunst erfahrbar machen“, erklärt Büning-Laube ihr Konzept. Sie stellt bekannte Namen neu vor und fördert unbekannte Künstler mit der Absicht, Jung und Alt miteinander ins Gespräch zu bringen. In diesem Bemühen unterstützen sie viele Autoren, die auch immer wieder bei ihr lesen.

Ohne jeden Zuschuss

Für ihr Auftreten erhalten die Künstler keine Gage, dafür reichen die finanziellen Mittel des Salons nicht. Gerade einmal 14 Mark kostet der Eintritt. dafür gibt es nicht nur Kunst, sondern auch alkoholfreie Getränke. 1000 Mark ihrer knappen Rente schießt Büning-Laube zu, um einen solchen Abend umzusetzen. Das Kulturamt lehnte einen Antrag auf Zuschuss für die Künstler ab. Noch nicht einmal Fahrgeld wird ihnen gezahlt. „Ich weiß nicht, wie lange ich den Salon noch finanzieren kann, wenn ich keine Hilfe bekomme“, erklärt Büning-Laube.

„Kunst kennt keine Grenzen“, war das Motto des jüngsten Abends. Künstler aus vier Nationen lasen, musizierten und spielten für Frieden und Völkerverständigung. Die Wände waren geschmückt mit Fotomalereien von Hanne Horn. Michel Bibarek, ein besonders frecher Däne, las aus seinen Erinnerungen an witzige Erlebnisse mit seinem Vater. Die Frauengruppe ELVeNa trug ein musikalisches und sehr bewegendes Stück über eine Witwe und deren Weltansicht nach dem Verlust des Partners vor. Texte lasen Horst Landau, aus Kroatien Sasa Stipetic und der Iraner Zohari Iradj, der auch musizierte.

(sj in: Rheinische Post, 16. Juni 1998)

Stimmen zur Autorin und Herausgeberin

Zu: "Geflochtene Zeit" (2004)

Ein Spatz, der als Nachtigall erscheint – Elisabeth Büning-Laube las im Frauenbuchladen

Mehr als sieben Jahre leitete Elisabeth Büning-Laube den Salon KunstLive, bevor sie eine schwere Erkrankung an dessen Fortführung hinderte. Wieder genesen, stellte Büning-Laube im Frauenbuchladen in der Blücherstraße ihren neuen Lyrikband „Geflochtene Zeit“ vor, in dem sie in einer klaren poetischen Sprache die Jahreszeiten und ihr bisheriges Leben in verdichteter Form Revue passieren ließ.

Michael Serrer vom Literaturbüro und der Verleger Georg Aehling würdigten das Schaffen Elisabeth Büning-Laubes und führten in den neuen, mit einem Vorwort von Wilhelm Gössmann versehenen Lyrikband ein. Viele Hörerinnen und Hörer waren gekommen, frühere Salonbesucher und Kollegen, die erstmals im Salon KunstLive lasen, um den Gedichten ihrer Mentorin zu lauschen.

Die stellte sich, erneut lebenslustig und in ihrer unkonventionellen Art, als „Spatz“ vor, der vom verstoßenen Brot lebt und nun in einem anderen Federkleid erscheint. Aus den vier großen Kapiteln des Bandes, den Jahreszeiten gemäß eingeteilt, trug die Dichterin Elisabeth Büning-Laube im Wechsel mit der Schauspielerin Miriam Wiesemann ihre Naturbeobachtungen vor, die auch ungewöhnliche Metaphern nicht scheuen. „Es liegt alles an der Verkündigung“, da nimmt es kein Wunder, dass die Naturbeobachtungen auch gesellschaftliche Fragen streifen.

Ansprechend ist die Metapher von der „geflochtenen Zeit“ („Es wird weiter Zeit geflochten,/ ehe unsere Zeit/ aus den vergangenen Zeiten/ erwacht“). Hier wird Zeit innegehalten, neu verwoben, und im Durchgang durch das eigene Ich belebt. Schier unerschöpflich ist die Fülle an Bildern und an verdichteten Erfahrungen, die sich in dem neuen Buch ausbreiten.

Aus dem Spatz wird schließlich eine Nachtigall, Nacht und Traum grundieren das Buch, in dem Töne von Traurigkeit und Melancholie angeschlagen werden, etwa wenn die Dichterin vorträgt: „Nacht, ich will nicht viel von dir./ Ein kleines Sternenzwinkern/ leichte, laue Luft in meinem Haar“. Dem Band beigegeben sind vier Collagen von Petra Ellert sowie eine Collage mit dem Bild der Dichterin. <Elisabeth Büning-Laube, Geflochtene Zeit, Edition XIM Virgines Düsseldorf, 12.- Euro.>

(Wulf Noll in: Westdeutsche Zeitung,1. Oktober 2004)

Zu: „Bindestriche“ (2002):

Kunst ist im Leben, ist wie ein Bindestrich. Der vorliegende Band Bindestriche enthält sechzig Gedichte und zwei Prosatexte der Düsseldorfer Autorin Elisabeth Büning-Laube. Aber das Buch ist nicht einfach eine Ansammlung verfasster Texte. Es sind lebendige Texte in einer bezaubernden Sprache, der etwas hinzugegeben wurde, das sich in ihnen entfaltet und Leben sucht.

Bei den Bindenstrichen handelt es sich um eine Schatzsuche, die unsere Wirklichkeit betrifft. Die Texte öffnen Räume, die voller Bilder stecken. Dies gelingt ihnen, weil sie kunstvoll anders sind als unser gemeinsames Denken in abstrakten Begriffen. Sie eröffnen den Weg zum Schatz tiefgehender Erfahrungen. Erfahrungen, die mitten im Alltag stehen und mit der Phantasie tanzen.

Es ist ein Buch, das seine Leser sucht, findet und sie in ihr Leben stellt. Insofern sind die Bindestriche eine bezaubernde Zumutung. Sie nehmen ihre Leser ernst und verbinden sie mit sich, und das heißt auch mit der Autorin. In ihnen finden sich Erfahrungen sensibel verdichtet, sie vermitteln Nähe und Wärme. Immer wieder das Ringen, das unser Leben durchzieht und mit Rätseln überschüttet, erfahrbar.

Diesem Ringen ist die wissende Sehnsucht um das Nahe und Ferne eigen. Das Nahe und Ferne berühren sich bevor sie sich scheinbar aufmachen, ihr Position wieder einzunehmen.

Elisabeth Büning-Laube trennt sich nicht von ihren Texten, sie ist in ihnen enthalten. Sie schickt ihre Texte auf die Reise und lässt sie ihre Leser finden. Ihre Worte führen uns in eine neue Wirklichkeit, die uns berührt, stärkt und zu Augenblicken verhelfen kann, die die Augen schärfen. Es sind Bilder, die zu leben beginnen.

In der Reihe KunstLive erscheint nach dem ersten Band der Autorin SpiegelSplitter nun diese Auswahl ihrer Gedichte und Prosatexte. Die Texte treten für dieses Buch in ein interessantes Gespräch mit Bildern der Künstlerin Gepa Klingmüller aus Köln.

Wer schon einmal den KunstLive-Salon von Elisabeth Büning-Laube besucht hat, weiß , wie es ist Kunst nicht nur zu hören, zu lesen, zu sehen, sondern sie zu erleben und zu erfahren. Die Bindestriche freuen sich auf ihre Leser und sind gespannt darauf, ob sie sich mit ihnen verbinden.

(Sebastian Bialas: Vorwort zu Bindestriche, o. S.)

Zu: „SpiegelSplitter“ (2001):

[…] Neben Gedichten schreibt die Autorin eine empfindsame und gleichwohl den Alltag und die Menschen kritisch fokussierende Kurzprosa. Ihre Schaffensbreite umfasst jedoch keinesfalls das geschriebene Wort allein. Die Gestaltungskraft Elisabeth Büning-Laubes sucht und findet seit vielen Jahren ebenso ihren künstlerischen Ausdruck in der Aquarellmalerei.

Mit den SpiegelSplittern ermöglicht die in (Un)- Ruhestand lebende und arbeitende Düsseldorfer Autorin und Malerin vielschichtige Einblicke in ihre Lyrik und damit immer auch die Seelenzustände und Sichtweise der in der Öffentlichkeit stets extravaganten „behütet“ und von ihrer Monky „bedackelt“ auftretenden Elisabeth Büning-Laube.

Die achtundfünfzig vorgestellten Momentaufnahmen, poetische Daguerreotypien einer ratlosen Flaneurin mit Sinn für den Augenblick, sensualistisch und doch treffend prägnant, bestechend einvernehmlich durch ihre vordergründige Eindeutigkeit und Spontaneität als auch durch die hintergründige Tiefe der Bilder und Assoziationen.

Die Themenvielfalt der Verfasserin scheint unfassbar. Und doch zeichnen sich thematisch fünf Schwerpunkte der Büning-Laubeschen – in ihren Miniaturensplittern gespiegelten – Welt ab. Es sind die Menschen und Begegnungen mit diesen, die Natur aber auch die politische Auseinandersetzung sowie die Reflexion der eigenen Kriegserlebnisse und die Kritik an kriegerischen Auseinandersetzungen der Gegenwart. Und schließlich, doch sicher nicht letztlich, eine private Sehnsucht, deren Ziel es zu erlesen und nicht zu beschreiben gilt.

Ein Vorwort zu einer Veröffentlichung dieser Autorin wäre unvollständig, ohne auf die Saloniére Elisabeth Büning-Laube hinzuweisen. Seit 1995 betreibt sie getreu den großen und kleinen Vorbildern der deutsche Salonkultur des 18. und 19. Jahrhundert s in ihrer Derendorfer Privatwohnung mit großem Erfolg den Literatur- und Kunstsalon KunstLive e.V.

Künstlerinnen und Künstler verschiedenster Ausrichtung und ein interessantes Publikum pflegen dort ein regelmäßiges im privat- öffentlichen Kontext ein produktives kulturelles Miteinander.

Aus Anlass des Zusammenfallens des fünfjährigen Jubiläums von KunstLive mit dem Erscheinen dieses Buches schließt sich an den lyrischen Teil ein Nachwort von Georg Aehling unter dem Titel Renaissance oder Erneuerung der Salonkultur? an, in dem der Düsseldorfer Salon in einen historische Zusammenhang eingebunden wird. [...]

(Holger Ehlert: Vorwort zu SpiegelSplitter, S. 6f. )

[…] Elisabeth Büning-Laube, Schriftstellerin und Malerin, entwickelte im Jahr 1995 die Idee der Wiederbelebung der Salonkultur im originär verstandenen Sinne, ganz spontan, als sie zu ihrem 60 Geburtstag eine Reihe junger Künstler einlud, die es auf Anhieb verstanden, ihre Gäste mit literarischen Beiträgen zu begeistern. Seitdem veranstaltet der von ihr begründete Salon „KunstLive“, inzwischen ein eingetragener Verein, regelmäßig Salonveranstaltungen in ihrer Privatwohnung, die bezeichnender Weise in der Collenbachstr. 2 im Stadtteil Derendorf auf dem Grundstück des ehemaligen Kollenbachschen Gutes liegt.

Das Ziel des ersten Düsseldorfer Literatur- und Kultursalons, Interessierte aller Altersstufen und sämtlicher sozialer Schichten gleichermaßen für die unterschiedlichsten künstlerischen Darbietungen zu gewinnen, wird unterstrichen durch den nicht-kommerziellen Charakter der Veranstaltungen – die Künstler treten ohne Gage auf – und die Vermeidung jeglicher Hierarchisierung bei der persönlichen Vorstellung auftretender Künsterl(innen). Die Überwindung der leider allzu häufigen Distanz zwiscehn Künstlern und Publikum erbit sich in diesem Rahmen von selbst..

„KunstLive“ zeigt einen bunten Reigen von Lesungen (Lyrik, Prosa, Romanfragmente, Drama), Foto- und Bildausstellungen, Kammerspiel, Tanz und Kleinkunst, filmischen und musikalischen Beiträgen oder wissenschaftlich begleiteten Rezitationen. Dabei werden einerseits bekannte Manen mit neuen Arbeiten vorgestellt und andereseits bisher unbekannten Künstlern Gelegenheiten geboten, sich erstmals einem Publikum präsentieren zu können.

Die Veranstaltungen sind nicht selten international besetzt und werden häufig einem thematischen Motto gewidmet, so z.B: ein deutsch-russischer Abend; neue Literatur aus Südosteuropa; junge Düsseldorfer Lyriker; ein Schmunzelabend etc. […].

(Georg Aehling: Renaissance oder Erneuerung der Salonkultur? Nachwort in. SpiegelSplitter, S. 91-93)

Größte Laus der lausigen Welt

„Lyrik macht auch Politik transparent“, sagte Heine-Kenner und tätiger Kunstsalon-Freund Wilhelm Gössmann, spielte damit auf aktuelle Ereignisse an. Er eröffnete die Lesung von Elisabeth Büning-Laube aus ihrem im Frühjahr bei XIM Virgines erschienenen Gedichtband „SpiegelSplitter“.

Das Schnabelewopski war gedrängt voll von jungen und alten Freundinnen und Freunden, denn die Autorin fördert seit fünf Jahren junge Künstler in ihrem privaten Derendorfer Salon. Sie hat den Pfad geebnet, den jetzt andere betreten wollen. Sie werden es schwer haben: Elisabeth Büning-Laube setzte Maßstäbe an Qualität und Selbstlosigkeit.

Die Fülle und Stille im Raum hatte die couragierte 65-Jährige, die man uneingeschränkt eine Dame nennen darf, wohl verdient. Die Lacher waren herzlich beim Gedicht von der Blattlaus, die von sich sagt: „Ich bin die größte Laus der lausigen Welt.“ Atemlose Nachdenklichkeit folgte dem Gedicht: „Nichts ist mehr, wie es war“. Beifall galt der Autorin und Marc Gurek, der moderne Klassik auf der Gitarre spielte.

(Gerda Kaltwasser in: Rheinische Post. Düsseldorfer Feuilleton, 19.09.2001)

Die schöne Distel – Lesung mit Elisabeth Büning-Laube

Das Publikum, das sonst in den Salon „KulturLive“ strömt, in dem Elisabeth Büning-Laube Menschen und Künstler aller Richtungen zusammenführt, kam diesmal ins Literaturcafé Schnabelewopski, um der Lesung der zierlichen älteren Dame mit den flammend roten Haaren zu lauschen. Sie las Gedichte aus „SpiegelSplitter“, neueste Lyrik und die Erzählung „Das Gesicht“.

Wilhelm Gössmann, der in die Veranstaltung einführte, meinte, Lyrik sei einfach schön, aber lässt doch ein Transparent-Werden von Lebensformen und politischen Dimensionen zu. Wenn in einer Stadt, von der Büning-Laube schreibt, dass sie unbeschreiblich leer und tot sei, „eine Distel verschämt neues Leben verkündet“, erinnere das an die Droste. Die Dame im (Un-)Ruhestand, die rastlose Flaneurin, sei gewissermaßen selbst die „schöne Distel“ in dieser Stadt, fraglos ein Kompliment.

Der Satz Heines aus der „Lutetia“, dass die Vergeltungstheorie eigentlich ausgedient habe, macht sich auch Büning-Laube zu eigen, wenn sie in „Nichts ist mehr“ davon spricht, dass der Nachbar, der eben noch unser Freund war, jetzt als Schwarzer, Türke oder Jude ausgegrenzt wird. In ihren vorsichtigen, kurzen Texten thematisiert sie drohendes Unheil. „Am Rand der Welt / von Raketen bewacht / steht der letzte grüne Baum der Erde.“

Doch Büning-Laube spricht auch von Hoffnung, von Begegnungen mit Menschen, von Liebe, Natur und Zeitereignissen, die das Licht des Wortes verdunkeln, aber nicht löschen können. Ihre Lyrik und Prosa lässt sich auf Mitfühlen und Mitleiden ein. In „Das Gesicht“ berichtet sie von der Begegnung einer jüngeren Frau mit einer älteren. Von einem Bild am Fenster ausgelöst, bleibt die Beziehung lange Zeit nur visuell, beschränkt auf Gebärdensprache und auf Zeichen. Als die junge Frau endlich den Besuch bei der alten wagt, findet sie diese fiebernd auf dem Fußboden vor.

Unterschwellig drückt Büning-Laube, die selbst als Waise aufwuchs, hier eine Mutter-Tochter-Beziehung aus, wenn auch verwandelt. […]

(Wulf Noll in: Westdeutsche Zeitung. Düsseldorfer Kultur, 21.09.2001)

Neue Literatur aus dem geschichtsträchtigen Immermann-Salon

Für junge Autoren: Digitale Buchreihe

Literatur hat Konjunktur, trotz der oder vielleicht durch die sich atemberaubend ausbreitenden elektronischen Kommunikationsmittel. Beim Bücherbummel im Juni hatte die hiesige Lyrikerin, Malerin und Gastgeberin eines musischen Salons Elisabeth Büning-Laube noch einen Verleger für ein digitales Verlagsprojekt gesucht, das jungen Autoren helfen sollte. Da hat sie ihn denn auch gleich in dem Düsseldorfer Georg Aehling gefunden.

Gestern stellten die Düsseldorfer Autorin Elisabeth Hoheisel und der Berliner Lyriker Titus Müller die ersten Bücher der Reihe „KunstLive“ vor, herausgegeben von Elisabeth Büning-Laube, verlegt von Georg Aehling, Einheitspreis 25 Mark, mit Chansons bedacht von Martine Pruvost-Voss.

Die Büningsche Adresse Collenbachstraße 2, Treffpunkt einer treuen Salon-Gemeinde, hat übrigens eine einschlägige Geschichte, die Aehling im Nachwort zum Hoheisel-Buch schildert. Hier wohnte zwischen 1830 und 1839 Karl Leberecht Immermann, Dichter und Begründer der ersten Düsseldorfer Reformbühne, mit seiner Lebensgefährtin Elisa Gräfin von Ahlefeldt. Der Salon der Beiden entwickelte sich zu einer kleinen Republik der Freiheit des Geistes und der Künste im biedermeierlichen Düsseldorf.

Gute Voraussetzungen also für das Projekt des Jahres 2000. Und viel Lesevergnügen gleich zum Auftakt mit Hoheisels Prosatexten unter dem Titel „Hebels Strategie“ – Illustrationen von der Autorin – und mit den frechen Gedichten von Titus Müller, der seine Freundin Sybille Schäfer die Sammlung „Sturmtag“ illustrieren ließ.

(Gerda Kaltwasser in: Rheinische Post. Düsseldorfer Feuilleton, 14. September 2000)

Vita

  • 1943 in Istanbul geboren, wo sie aufwuchs. Ihre Familie „Kaneti“ hat jüdisch-spaniolische, griechische und türkische Wurzeln. Sie besuchte nach der türkischen Volksschule das renommierte französische Gymnasium Notre-Dame de Sion in Istanbul.
  • 1960 folgte im Rahmen eines Jugendaustauschs ein Aufenthalt in Israel.
  • Nach dem Abitur studierte sie in Istanbul Englische Philologie und besuchte gleichzeitig eine Schauspielschule.
  • Während der Studienphase in der Türkei publizierte sie Kurzgeschichten, Theaterberichte und Kritiken in der Zeitschrift „Yeni Insan“. (‚Der neue Mensch’).
  • 1969 erhielt sie ein Sprachstipendium nach Salzburg. Deutsch war die siebte Sprache, die sie erlernte nach Griechisch, Türkisch, Spaniolisch, Französisch, Englisch und Italienisch. Im Winter dieses Jahres ging sie nach Wien und bestand die Aufnahmeprüfung für das Max-Reinhardt-Seminar.
  • Ab Sommersemester 1970 studierte Diana Canetti Theaterwissenschaft an der Wiener Universität. Sie wirkte als Statistin am Burg- und Akademietheater. Während ihres Studiums begann sie in Deutsch zu schreiben und konnte Beiträge im Studio Graz des ORF unterbringen.
  • Seit 1972 veröffentlicht sie Prosa im Wiener Europaverlag; Beiträge in Sammelbänden und Anthologien folgen. Aus der Begegnung mit Elias Canetti, mit dem sie nicht verwandt ist, zieht sie die hohen Anforderungen an die eigene literarische Sprache.
  • 1973 dreht sie in Paris den Kurzfilm „Le Pied“, der auf mehreren Festivals gezeigt wurde.
  • 1974 liest Diana Canetti auf den Wiener Festwochen.
  • Im Sommer 1975 promoviert sie in Wien mit der Arbeit: „Das gesellschaftskritische Theater in der Türkei“ bei Professorin Margret Dietrich, Theaterwissenschaftlerin und Andreas Tietze, Professor für Turkologie und Islamwissenschaft.
  • Das DAAD-Stipendium „Artist in Residence“ führt sie im Januar 1976 nach Berlin, wo sie u. a. journalistisch für den Rundfunk Rias Berlin arbeitet. Eines der Themen: Das kulturelle Leben der Türken in Berlin. Der Aufenthalt dauert bis März 1977.
  • Zur P.E.N.-Tagung und -Lesung in Den Haag vom 10. - 13. Mai 1976 ist sie als Vertreterin der Türkei eingeladen und tritt neben Stefan Heym (DDR) und Günter Grass (BRD) auf.
  • Seit Frühjahr 1977 lebt und arbeitet Diana Canetti als freie Autorin und Journalistin in Düsseldorf und Paris. Sie schreibt u. a. am 3. Roman: „Ein Mann von Kultur“.
  • Diana Canetti bietet freie Theaterarbeit an der Düsseldorfer Realschule in der Ackerstraße an und sie führt Kurse zu deutscher und internationaler Literatur in der VHS Düsseldorf durch, von Saul Bellow bis Virginia Woolf.
  • Ab Winter 1988 hält sie sich für 18 Monate bei ihrer Cousine, der Soziologin und Entwicklungshelferin Susie Malka Kaneti Barry, in Ghana auf. Im November 1989 nimmt sie in Accra als Beobachterin am Gründungskongress der Pan African Writers Association teil. Thema des Gründungskongresses: „The African Unity: A Liberation of the Mind“. Die Afrika-Erfahrungen verarbeitet sie in journalistischen Artikeln und in der Romancollage „Goldstaub“, der im Selbstverlag erscheint.
  • Zurück in Deutschland wird ihr eine Journalismus-Ausbildung ermöglicht. Seit 1993 erfasst sie Essays und Features zu interkulturelle Themen für den SWR2 und WDR5. Sie schreibt auch für die Kulturredaktion der Westdeutschen Zeitung in Düsseldorf.
  • Im März 1996 unternimmt sie eine Reise nach Sao Paulo, Brasilien, um ihren seit 20 Jahren verschollenen Bruder Vili Kaneti zu suchen; die Geschwister finden sich wieder.
  • Ende November 1996 nimmt sie an der 1. Migranten-Litera-Tour der Universität Mainz teil: „Drachenflieger der Sprache“ und liest aus der Erzählung „Pygmalion ohne Happy End“ vor.
  • 1997 ist sie an der Gründung des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Köln-Istanbul beteiligt.
  • 1998 Diana Canetti engagiert sich im Kontext der Lokalen Agenda 21/ Gruppe Kultur für die „Frauenvernetzung“, die u. a. den Aufbau eines Künstlerinnenhauses und den globalen Künstlerinnenaustausch anzuschieben versucht.
  • In Paris, ihrem Zweitwohnsitz, pflegt sie Kontakte zu Intellektuellen, so etwa zur in Frankreich und Griechenland lebenden Philosophin und Autorin Mimika Cranaki.
  • Im Mai 2002 liest sie als Autorin des Monats am Literaturtelefon Düsseldorf.
  • Zum 70. Geburtstag präsentiert das Frauen-Kultur-Archiv im Oktober 2013 im Heine-Institut eine Lesung aus der neuen Edition ihrer "Betrachtungen zu Mulitkulturalität, Heimat und Fremdsein".
  • Nach schwerer Krankheit stirbt Diana Canetti am 22. Juli 2014 in Düsseldorf. Ihr Grab findet sich auf dem Nordfriedhof.

Publikationen

Prosa

  • Betrachtungen zu Multikulturalität, Heimat und Fremdsein. Hrsg. von Ariane Neuhaus-Koch. Düsseldorf: Edition Virgines 2013. 147 Seiten
  • D’Istanbule en exils. La vie cosmopolite de Diana Canetti. Paris: Editions Petra, 2013,  151 Seiten
  • Goldstaub: Romancollage aus Afrika in Geschichten und Berichten, Tagebüchern und Briefen. Düsseldorf: Selbstverlag, o. J. [1991], 300 Seiten
  • Das gesellschaftskritische Theater in der Türkei. Dissertation Wien 1975 (masch. Fassung; ein Exemplar befindet sich im Frauen-Kultur-Archiv, Düsseldorf)
  • Cercle d' Orient. Roman. Wien: Europaverlag, 1974
  • Eine Art von Verrücktheit. Tagebuch einer Jugend. Wien: Europa Verlag, 1972

Ungedruckt

  • Roman: Ein Mann von Kultur; es gibt mehrere Fassungen;
  • Roman: Das Kulturgespenst; als Fortsetzung von: Ein Mann von Kultur
  • Theaterstück: Die Kimonos
  • Essays und Märchen

Beiträge in Anthologien, Sammelbänden (Auswahl)

  • Disposition für die Fremde. Eine Begegnung mit der Philosophin Mimika Cranaki. In: Deutschland, deine Griechen… Eine Anthologie (zweisprachig. Hrsg. von Costas Gianacacos, Stamatis Gerogiorgakis. Köln: Romiosini Verlag, 1998, S. 336-356
  • Ein altes Haus wird jung. In: Straßenbilder. Düsseldorfer Schriftsteller über ihr Quartier. Hrsg. von Alla Pfeffer. Düsseldorf: Grupello Verlag, 1998, S. 67-75
  • zusammen mit Bahmand Nirumand, Adel Karasholi: Diskussionen: Die Autoren. „Wir sprechen ihre Sprache, doch sie hören uns nicht! Sind wir zu schlecht für den deutschen Literaturbetrieb?“ In: Literatur der Migration, hrsg. von Nasrin Amirsedghi, Thomas Bleicher. Mainz: Donata Kinzelbach Verlag, 1997, S. 115-137
  • „Ich brauche ein geistiges Haus“. Vom Leben in christlicher, jüdischer und griechisch-orthodoxer Tradition zugleich. [Ein Dialog] In: „Leben - einzeln und frei wie ein Baum und geschwisterlich wie ein Wald ist unsere Sehnsucht.“ Türkei, Deutschland, Europa. Impulse für die Gegenwartsliteratur: Das Eigene und das Fremde. Tagung der Evangelischen Akademie Iserlohn vom 12. - 14. Januar 1996. Iserlohn: Evangelische Akademie, 1996; Serie: Tagungsprotokoll / Evangelische Akademie Iserlohn 96,6, S. 77 – 90
  • Pygmalion ohne Happy End. In: ... die Visionen deiner Liebeslust: Liebe und Erotik in der Fremde. 21. Autoren aus 11 Ländern. Hrsg. von Niki Eideneier. Köln: Romiosini, 1995, S. 117-129
  • Elias Canetti und ich. In: Ganz schön fremd: Literaturen aus Österreich anderswo: Prosa, Poesie, Programmatisches. Hrsg. von Ruth Aspöck. Edition die Donau Hinunter, 1994, S. 20 -43. Wiederabdruck in gekürzter Form: In „Leben - einzeln und frei wie ein Baum und geschwisterlich wie ein Wald ist unsere Sehnsucht“: Türkei, Deutschland, Europa. Impulse für die Gegenwartsliteratur: Das Eigene und das Fremde. Iserlohn: Evangelische Akademie, 1996; Serie: Tagungsprotokoll 96,6, S. 36 – 53

Radio-Beiträge

Für SWR 2
  • Zwanghaft zerstreut. Leben mit einem chaotischen Partner. Bericht. SWR 2, Eckpunkt, 21.02.2001
  • Frau in Hose. Geschichte einer gescheiterten Befreiung. SWR 2, Eckpunkt, 2.02.2000
  • 50 nette Verwandte aus aller Welt. Eine israelische Hochzeit. Bericht. SWR 2, Eckpunkt, 5.10.1999
  • Dein Vater, mein Geliebter. Brief an den Sohn. Lesung. SWR 2, Eckpunkt, 29.07.1999
  • Rote Baskenmütze, schwarzer Hut. Zwei Schriftstellerinnen, zwei Freundinnen: Diana Canetti, Ermine und Sevgi Özdamar. Essay. SWR 2, Eckpunkt, 15.06.1999
  • Sieben Frauen tanzen um sie herum. Ein afrikanisches Fest zu Ehren einer Europäerin. Bericht. SWR 2, Eckpunkt, 17.12.1998
  • Es gibt eine Disposition für die Fremde. Ein Porträt der Philosophin Mimika Cranaki. SWR 2, Eckpunkt, 15.06.1998
  • Mai 1968: Damals stand die Welt Kopf. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 19.05.1998
  • Gegen Unrecht muss man sich wehren. Das politische Engagement Bertha von Suttners. Porträt. SWR 2, Eckpunkt, 8.12.1997
  • Auf der Suche nach dem Bruder - Eine brasilianische Reise. Lesung. SWR 2, Eckpunkt, 22.04.1997
  • Die zweite große Chance - Eine Restaurierung. Lesung. SWR 2, Eckpunkt, 10.09.1996
  • Einem Kachelofen gleich - Mimi Zand, die Frau des Dichters. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 25.03.1996 (Wiederholung am 5.09.1997)
  • Von Stars, Verlegern und „Lizenztanten“. Als Zaungast auf der Buchmesse. Lesung, SWR 2, Eckpunkt, 7.10.1995
  • Aus Trauer erdacht. Die Versäumnisse einer Hinterbliebenen. Feature, SWR 2, Eckpunkt, 7.08.1995 (Wiederholung am 23.01.1996) 
  • Pygmalion ohne Happy End. Kulturkampf zwischen einem Professor und einer ausländischen Studentin. Feature. SWR2, Eckpunkt, 3.04.1995
  • Verwandt mit einem Großen? Elias Canetti - ein immerwährender Ansporn. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 9.01.1995
  • Ich brauche ein geistiges Haus - Vom Leben in christlicher, jüdischer und griechisch- orthodoxer Tradition zugleich. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 28.09.1994
  • Das Drama der Sklaven aktuell machen. Ein afrikanischer Fremdenführer als Geschichtsvermittler. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 21.02.1994
  • Fremde Sprachen haben viele Fenster. Zu Mehrsprachigkeit. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 1.02.1994
  • Wir sind nur Gast auf dieser Erde - In verschiedenen Ländern eine Heimat haben. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 26.10.1993
  • Im Gleichgewicht bleiben - Arm wäre das Leben ohne Sport. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 15.06.1993
Für WDR 5

Diana Canetti war als Autorin an 38 Sendungen für WDR 5 von 1995 bis 1998 beteiligt. Darüber informiert die folgende Liste.

Selbstaussagen der Autorin

Wenn man aus einer doppelten christlich-jüdischen Wurzel stammt, dann fühlt man sich prädestiniert, das Verhältnis zwischen Juden und Christen klären zu helfen, sei es auch um den Preis, daß man hinfällt. Wenn sich aus dieser Anregung jedoch keine sinnvolle Arbeit zu ergeben scheint, was kann dann der Sinn für einen Menschen wie mich sein?

Meine alte Tante hatte mir zum Glück die unabänderlichen religiösen Elemente in salbungsvolle Sprüche gekleidet und mir mit auf meinen Lebensweg gegeben. Sie sind immer wieder Wegweiser gewesen, einfach da, um meine Verzweiflung zu bekämpfen.

An seine „Matratzengruft“ gefesselt, wußte der Dichter Heinrich Heine, was Verzweiflung heißt. „Es ist mehr Verwandtschaft zwischen Opium und Religion, als die meisten Menschen sich träumen lassen“ schrieb er. Wenn Heine seine Schmerzen nicht ertragen konnte, dann nahm er Morphium und andere Betäubungsmittel. Nicht umsonst sagt man, daß man um Hilfe fleht, wenn man zusammenbricht.

Mit zunehmendem Alter merkte ich, daß alle Religionen, Traditionen, Gebote und Gesetze etwas Gemeinsames haben. Sie alle sind Versuche, die Schwierigkeiten und die Schmerzen des Lebens zu verkraften. In der Tat, es ist nicht einfach, einer Welt ausgesetzt zu sein, die stets neue Probleme aufwirft. Herauszufinden, welchen Sinn ich in meinem Leben finde und welchen Sinn ich dem eigenen Leben gebe. Nur Geld zu verdienen kann z. B. nicht die Hauptattraktion des Lebens sein. Ich arbeite nicht für den Tanz um das Goldene Kalb. Und ich möchte nicht, daß Geld und Macht zu unserer Religion werden. Ich gehöre rein formal zu keiner Religion, bewahre aber trotzdem auf meine Art und Weise einen Glauben.

Meine Mutter hat ihr Wort gehalten. Sie war als Griechin geboren und starb als Griechin. Zur Kirche ging sie nicht. Über Gott sprach sie nicht. In den letzten Jahren ihres Lebens trug sie allerdings eine Kette mit einem Kreuz, einen Davidstern und einen Bismillahimrahmanirahim. Drei Zeichen, die für Christentum, Judentum und Islam stehen.

Heute liegen diese religiösen Symbole auf einem chinesischen Teller in meinem Schlafzimmer. Und ich unternehme gern Pilgerfahrten, um Heiligtümer, Kapellen, Moscheen, Synagogen und fernöstliche Tempel zu besuchen. Wohnorte der Geister und Götter. Ganz bestimmt glauben viele Menschen nicht an Seelenwanderung und Wiedergeburt, wünschten sich aber, daß es sie gäbe. Das Herz hat Beweggründe, die in der Vernunft allein nicht begründet sind. Vielleicht ist das große Kennzeichen der Religionen das „Prinzip Hoffnung“. Wenn wir ganz unten sind, bleibt uns die Hoffnung, daß eine Auferstehung in einem heilen Körper und einer heilen Seele folgen wird. Daß eine Phase zu Ende gegangen ist, fertig ist, abgelegt. Und dass wir bei Gott von ganz vorn beginnen können.

„Wozu Kinder in eine Religion zwingen? Sie sollen selber entscheiden, wenn sie alt genug sind, ob sie Christen oder Juden sein wollen“, sagten meine Mutter und mein Vater gemeinsam. Viele denken, ich gehöre weder zu einer Religion noch zu einer anderen, Daß ich nirgends hingehöre, wird gleichgestellt mit dem Bild, dass ich nirgends einen Tempel habe.

Doch so ist es nicht. Wer aus doppelten oder dreifachen Wurzeln wächst, bekommt die Überlieferungen sowohl des einen, als auch der anderen Religion, und kann sein geistiges Haus so schnitzen, wie es aus eigenem Entschluß notwendig ist.

(aus: „Ich brauche ein geistiges Haus“. Vom Leben in christlicher, jüdischer und griechisch-orthodoxer Tradition zugleich. In: „Leben - einzeln und frei wie ein Baum und geschwisterlich wie ein Wald ist unsere Sehnsucht.“ Türkei, Deutschland, Europa. Impulse für die Gegenwartsliteratur: Das Eigene und das Fremde. Tagung der Evangelischen Akademie Iserlohn vom 12. - 14. Januar 1996. S. 88-90).

Es ist mir, als wäre ich nicht, wo ich bin. Als wäre ich an mehreren Orten zugleich. Gern würde ich ein Bild malen, zusammengesetzt aus allen mir besonders vertrauten Orten. Aber sobald ich den Pinsel über die Leinwand bewege, entgleitet es mir. Es ist wie bei Fotos, auf denen ich immer wieder die lieben Gesichter anschaue. Ich kann die Menschen nicht umarmen, denen diese Gesichter gehören. Wie im Traum spüre ich eine dumpfe Angst aufsteigen. Die Angst vor dem Verlust sitzt tief in mir sowie der Glaube, daß etwas dauerhaft sein kann. Aber was soll ich machen? Der Tod und das Werden gehören zum Leben.

(aus: Ein altes Haus wird jung. In: Straßenbilder. Düsseldorfer Schriftsteller über ihr Quartier. Hrsg. von Alla Pfeffer. Düsseldorf: Grupello Verlag, 1998, S. 74)

Texte der Autorin

Meine Freundin Emine Sevgi Özdamar: Rote Baskenmütze und schwarzer spanischer Hut

In der Istanbuler Schauspielschule hatte ich 1968 eine schöne Freundin, mit der ich auf der Bühne Revolution spielte. Im französischen Kalender ist der 14. Juli rot gedruckt. Rot, weil die Bastilleerstürmung der Nationalfeiertag ist. Das Drama lief nicht in der Bastille, sondern im Hospiz zu Charenton unter der Anleitung des Marquis de Sade. Die Schöne verkörperte die Charlotte Corday, die leise und zögernd heran schlich, um Marat zu vernichten. Einen Dolch in der Hand sang sie revolutionäre Lieder und nahm durch die Sprache ihres Körpers und den Klang ihrer Stimme das Publikum für sich ein. Nach der Vorstellung holte ich meine rote Baskenmütze und wir machten uns auf den Weg zur Cinemathek, liefen über die potemkinschen Treppen auf die Petersburger Straßen, verschmolzen mit den Menschenmassen, dann marschierten Massen von Statisten über uns hinweg auf den Roten Platz.

Die Freundin, das roteste Tuch von uns allen, liebte meine rote Baskenmütze und ich dachte, die passe besser zu ihrem revolutionären Kopf und schenkte sie ihr. Sie schenkte mir einen schwarzen spanischen Hut und sagte: „Nimm ihn und reite zu deinen spanisch-jüdischen Wurzeln.“ Der schwarze Hut zog mich nach Cordoba, das ich nie gesehen hatte, zu den Flamencotänzerinnen, die ich bewunderte, aber auch zu den Schiffen voller Flüchtlinge, die sich vor Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon fürchteten.

Der spanische Hut und die Baskenmütze lauschten zusammen dem Vortrag von Heinar Kipphardt im Istanbuler Goethe-Institut. Der Dichter sagte: „Die Kunst muss die Herzen und Hirne bewegen“.

Ende der 60er Jahre ertranken 300.000 Boatpeople aus Vietnam. Was konnte man danach dichten? Wie musste man schreiben? Der Strom türkischer Flüchtlinge nach Europa hatte noch nicht begonnen. Hausdurchsuchungen gehörten noch nicht zur Tagesordnung. Die Lage in der Türkei war bereits prekär. Straßentheater und Straßenschlachten liefen parallel. Masse und Macht, das stand damals noch gar nicht in einem Zusammenhang. Das Soldatengefängnis von Harbiye dagegen war die Bastille, ein ungewöhnliches Gefängnis. Leute, die dem ‚König von Cumhuriyet’ missliebig waren, kamen hinein. Schriftsteller, Buchhändler, Kupferstecher und Buchbinder. Auch Frauen, die mit Büchern umgingen und mit der Feder kämpften.

Die rote Baskenmütze ging in diesem Tumult verloren. Wo? Wohl nicht im Baskenland. Nein, auch nicht in Nordirland. Unterwegs im Zug mit meinem kleinen Koffer vergaß ich beim Aussteigen auf der Gepäckablage den spanischen Hut. Ich schrieb der Bundesbahn die Uhrzeit, das Datum und die Zugnummer, aber der Hut war verloren auf Nimmerwiedersehen.

Während das Gesicht der Welt sich änderte, und die Hüte auf dem Rückzug waren, trafen wir uns in Deutschland. Hüte mit Federn nach bayerischer Art waren nicht unsere Sache. Meine Freundin, jetzt um die fünfzig, war schlank und hatte noch eine frische Haut wie das Mädchen von damals. Als wir uns wiederfanden und einander in die Arme fielen, sagte sie: „Ich wünsche Schwesterlichkeit“.

Es klang wie ein Aufruf! Wie viel Einsamkeit sie inzwischen durchgemacht hatte, wusste ich nicht, doch spürte ich am eigenen Leib, was Emigration und Heimatlosigkeit bedeuteten. Wir fühlten uns wie im Sturm hin- und hergeschaukelt. Was das stürmische Leben einer Emigrantin kennzeichnete und was weibliche Eigenständigkeit kostete, in diesem Punkt waren wir Schicksalsgenossinnen.

„Wenn ich deutsch spreche, ermüde ich schnell. Geht es dir auch so?“ sagte sie, schenkte mir ihr Buch „Mutterzunge“ und schrieb als Widmung „Für meine Schwester“. Ihr Zimmer am Fürstenwall war eine Schatzkammer. Eine Entdeckungsreise ins Innere der Künstlerin, wert in der „documenta“ ausgestellt zu werden. Plakate, Postkarten, Pinwände mit Fotos aus allen Lebensphasen, die minutiös hintereinander genäht eine Lebensgeschichte erzählen. Schauspielgarderobe mit Bauchtanzkostümen, Schals in allen Farben des Regenbogens und Pelze. Bilder byzantinischer Kunst und islamischer Kalligraphie, mehrere Porträtserien von Van Gogh und Shakespeare, Filmschauspielern, Ex-Geliebten, Zettel mit Gedankenblitzen, Schattenfiguren.

Sie hatte in Frankfurt ihr Stück „Karagöz in Alemania“ (Schwarzauge in Alamania) inszeniert, eine Schattenfigur, die den Gastarbeiter mit seinem Esel symbolisiert. Ich wäre in ihrem Fauteuil versunken liegen geblieben, aber sie sagte: „Komm gehen wir raus!“ und setzte eine Schirmmütze auf statt der Baskenmütze.

Vor dem Schaufenster eines Brotladens blieben wir stehen und sahen uns die Leckereien an: Brezeln, Berliner, Baumkuchen. Der Laden befand sich nicht in der Berliner Stresemann-Straße, sondern in der Düsseldorfer Corneliusstraße. „Die backen selbst, das Brot ist frisch“, sagte sie, „komm lass uns hineingehen. Alalim, yiyelim.“

„Alalim, yiyelim“, wiederholte ich. Alalim, yiyelim von „Keloglan“’s Märchenwelt, das wir gemeinsam auf der Bühne für Jugendliche gespielt hatten. Die Bäckerin stand blitzblank vor uns und fragte: „Was wünschen Sie, bitte?“ „Söyle, ne istiyorsun? Sag, was möchtest du?“ und als ich mich anschickte, der Frau das Brötchen zu zeigen, meinte meine Freundin: „Nicht berühren, sonst wird sie schimpfen. Die kennt die Sinnlichkeit des Betastens nicht. Sie war nie im Bazar.“

Wir gingen dann zum Schuster am Fürstenplatz. Der Laden gehört einem Marokkaner. Sie ließ ihre Ledertasche, die sich häutete und überall brüchig war, weil sie tausendfach genäht war, noch einmal nähen und rauchte eine Zigarette mit dem Schuster. Von dem Perser an der Ecke des Platzes kauften wir Schafskäse, Oliven und Pistazien. „Gute Preise“, sagte sie. „Der Laden wird aber schließen. Siehst du, der Mann jagt Fliegen!“ und sie schleppte mich zum Markt am Karlsplatz, den sie besonders liebte. Die Marktfrauen grüßten sie, als würden sie sie seit ihrer Kindheit kennen. Sie kaufte Feigen und Datteln, gab mir die Hälfte zum Mitnehmen, und an der anderen Hälfte naschten wir in den engen Gassen der Altstadt. Ich vernaschte die Feigen und spürte einen warmen Strom fließen.

Wenn der Himmel sich verfärbte, dann gingen wir stromaufwärts spazieren. Bei mir wurde für saubere Luft gesorgt. „Wenn ich zu dir komme, dann ist es, als mache ich eine Kur. Du rauchst nicht, dann rauche ich auch nicht. Du trinkst nicht, dann trinke ich auch nicht. Du wanderst gerne, dann wandere ich gerne mit dir. Das ist Regeneration und Verjüngung zugleich.“ Gemeinsam sahen wir uns den Rhein an, den Rhein im Nebel, Rhein im Sturm, im Schnee, Rhein bei Regen, Rhein mit Hochwasser, Rheindamm überflutet, Rhein im Frühling und im Sommer. Der Rhein zu allen Tageszeiten, in allen Jahreszeiten, in allen Lichtfarben und allen Schattenfarben.

Waren wir sonntags in der Nähe eines Trödelmarktes, dann stöberten wir nach Hüten, in der Hoffnung den alten spanischen Hut und die Baskenmütze wiederzufinden. Keine Nostalgie trieb uns, eher eine Art von Rückbesinnung auf Kindheit und Jugend. Sie suchte nach Laurel und Hardy und fand sie nicht. Kaufte dann ein Karussell mit goldenen Vögeln und ließ sie über unseren Köpfen kreisen.

Eines Tages fand ich auch einen spanischen Hut, nicht den gleichen, aber einen ähnlichen und ich freute mich darüber, als kehre der Frühling unseres Studiums zurück. Ich ließ ihn wieder über meinem Kopf schweben. Was mit der roten Baskenmütze passiert ist, weiß niemand. Meine Freundin trägt, wie vor 30 Jahren, schwarze Hosen, schwarze Pullis und ihre Ledertasche, die vor Brüchigkeit Schuppen gekriegt hat. Schlichtheit und das Schwarz der Existentialisten sind ihre unveränderlichen Kennzeichen. In der Schauspielschule waren wir unzertrennliche Zwillinge, beinahe täglich zusammen. Wir klopften an die Türen derselben Redaktionen von Cagaloglu, nahmen an derselben Realität teil, träumten von derselben Revolution. A propos rote Baskenmütze erzählte sie mir, dass ein Intellektueller ihr damals gesagt habe: „Du siehst aus wie eine femme fatale!“

Rot in all seinen Variationen blieb unser Thema. Wenn die Kaufhäuser ihre Schleuderpreise bekanntgaben, gingen wir, solange Mutter und Vater lebten, Mitbringsel für die Sommerferien zu kaufen. „Meine Mutter“, sagte sie mir, „möchte, dass ich Rot trage.“ „Sie hat recht“, bestätigte ich, „wann werden wir uns Rot anziehen, wann, wenn nicht jetzt?“ Unsere Hosen machten einen absichtlich ungepflegten Eindruck. Sich aufzuputzen, das wäre bürgerliche Konvention. Der Sturm hatte uns durchgeschüttelt, sie mehr als mich. Plötzlich dachten wir an die Männlichkeit, die wir ein Vierteljahrhundert lang in uns erlebt hatten, und an die Weiblichkeit, die zu kurz gekommen war. Die Freundin kaufte an diesem Tag ein rotes Kleid. Aber ich glaube, das rote Kleid hat sie niemals angezogen. Paradiesvögel waren wir nur im Tanzstudio in der Minoritenstraße. Mit seinen operettenhaften Säulen und seiner kitschigen Farbenpracht aus 1001 Nacht schützte uns das Studio vor dem Sturm. In seinem Hafen konnten wir Schmetterlinge, Schwerttänzerinnen und verschleierte Frauen vom Nil sein. Im mittleren Raum, der einem türkischen Bad ähnlich war, tranken wir Tee in schlanken Tassen und schäkerten mit halbnackten Schönheiten. Probierten Kostüme an und schlüpften in Rollen. Das Lustgefühl schärfte sich so, dass wir Angst bekamen, so als ob wir von verbotenen Früchten kosten würden. In den langen Nächten träumten wir von selbstgedrehten Filmen: Szenen aus dem Leben, eine Schauspielerin in der Rolle der Hure sitzend und trinkend in Ankara und Potsdam aus einem Glas mit den Hurenmädchen, die vom Baum der Erkenntnis gegessen haben.

Meinen Geburtstag feierten wir bei ihr. Zu zweit. Geburtstag heißt Bilanz ziehen. Viele von meinen Träumen hatten sich als Illusion erwiesen. Ich hatte das Schreiben stürmisch in Angriff genommen, mir ein Ziel gesetzt und es nicht erreicht. Meine Freundin versuchte mich zu zerstreuen. Sie kochte in ihrer Bad-Küche ein saftiges Hähnchen mit Porree und Karotten. Wir aßen „alalim, yiyelim“ und tranken dazu „alalim, yiyelim, icelim.“ Als ich sie bat, mir die Videoaufnahme von der Bachmann-Preis-Verleihung zu zeigen, sagte sie: „Ich werde inzwischen das Geschirr abspülen.“ Mich mit der Bachmann-Preis-Jury allein zu lassen, war vielleicht ein rücksichtsvolles Hinwegsehen von dem, was in der Seele der anderen passiert. Klagenfurter Straßen. Das Bachmannsche Haus. Die Kandidaten. Die Kulissen. Die Lesungen. Die Wahl. Die wohl vertraute Atmosphäre meiner Niederlagen. Als die Preisverleihung an die Reihe kam, rieselte es in mir, ich stürzte vom Felsen. Die Lawine rollte über mich hinweg. Während der Bootsfahrt auf dem Wörther See konnte ich wieder meine Seele baumeln lassen und neue Fäden knüpfen an das verlorene Gefühl zur Literatur.

Nach ihren ersten Erfolgen wurde meine Freundin die Lobende. Lob war sowohl in meiner Kindheit als auch in meinen revolutionären Jahren verpönt. Loben schmeichelte der Eitelkeit. Loben und Gelobtwerden waren tabu. Dafür waren Kritik und Selbstkritik gefragt. Sie lobte meine griechischen Gesichtszüge, verglich die Form meines Körpers mit den antiken Skulpturen und betonte meine Herkunft von den Dinosauriern. Was meinte sie? War es ein Kompliment oder eine Kritik? Warum sollte ich ein Dinosaurer sein? Das Wort schuf Distanz. Ihre Lobworte überraschten mich, ich staunte. Was ich hörte, mein Kosmopolitismus von Geburt, meine Mehrsprachigkeit waren durchaus natürliche Dinge, die mir aber meine Mutter oder meine Männer in dieser Weise nie gesagt hatten. Wie kam sie zu diesen Ausdrücken? Hatte sie immer schon so gesprochen und ich es nicht gemerkt? Sprachen wir früher so mit unseren Müttern und Großmüttern? Sie meinte: Ja. Das Türkische, mit dem ich in der Schrift und auf der Bühne so spielerisch umging, lag zurück. Weit zurück. Und die kurzen Aufenthalte genügten nicht zur Erneuerung der Sprache, zum Überschreiten der traditionellen Barrieren. Langsam verstand ich die Bildlichkeit ihrer Sprache. Ihre Wort- und Denkspiele. Der Übergang von verschiedenen Realitätsebenen. Die Vielschichtigkeit ihrer Aussagen. Ihre Sprachexperimente. Überhaupt merkte ich, dass die Autorin anders sprach als andere. Sie sah nicht nur eine andere Wirklichkeit als ich, sie sah auch anders. Durch die Begleitung der Freundin in ihrem Alltag lernte ich im Spiegelbild und konnte aus ihrer Entwicklung neue Kräfte schöpfen.

Im Kino „Bambi“ sahen wir uns „Yasemin“ an. Ich schaute mal auf die Leinwand, mal auf meine Freundin. Sie spielte die Mutter, hätte aber gern auch die Großmutter gespielt. Im Film trug sie meine alte schwarze Bluse. Die Nähte waren geplatzt und ich hatte sie über Sommer nach Istanbul mitgenommen zu meinen reichen Verwandten. Nach dem Frühstück konnte ich auf dem Balkon lange sitzen, mit meiner Kusine plaudern und tun, wozu ich in Düsseldorf keine Zeit hatte, stopfen und nähen. „Warum stopfst du, man sieht die Nähte. Wirf sie doch weg!“ sagte meine Kusine. „Du wirfst nichts weg. Lerne wegzuwerfen!“ Ich warf die Bluse nicht weg, denn sie hatte einen außergewöhnlichen Schnitt. Als ich die Geschichte meiner Freundin erzählte, sagte sie: „Die Bluse gefällt mir. Die Rolle der armen Verwandten weniger.“ Und jetzt saßen wir im Kinosaal, und freuten uns über die türkische Julia und den deutschen Romeo, die wenn sie noch leben, zu einem Baum verwachsen sind. Wenn die Freundin „meine Tochter“ sagte, meinte sie die Darstellerin der Yasemin. „Ich bin gern bei meiner Tochter in München.“ Die Tochter, das war eine Anspielung auf unsere gemeinsame Kinderlosigkeit.

Ihren Roman „Das Leben ist eine Karawanserei“ las sie mir auf dem Bett in meinem Mansardenzimmerchen in einem Zug vor, als hätte sie ihn in einem Zug geschrieben statt in zehn Jahren. Schon dort schuf sie eine fliegende Welt. Nicht im engeren Sinne ein osttürkisches Städtchen, sondern fliegende Gestalten. Bald musste sie selbst in die große Welt fliegen. Flug nach New York, Flug nach Chicago, Flug nach Barcelona, Flug nach Oslo, sie, die Angst vorm Fliegen hatte.

In Paris sah ich sie im Schminkraum von Sarah Bernhardt, als man die Maske für die alte Dienerin, das Großmütterchen aus einer Pariser Vorstadt, vorbereitete. Das Haar wurde weiß gepudert. Die Falten geschärft für „Die drei Schwestern“. Ihr chaplinesker Humor und ihr Scharfsinn brachten die Leute zum Lachen. Die Türkin aus Malatya war über die Regieassistenz bei Brechtschülern in der DDR Kosmopolitin aus eigener Kraft geworden. In Paris war ich eher in der Welt der Ost-Juden, bei den Chassidim zuhause als im Schauspielhaus. Das war dem Anschein nach weit weg von dem, was mich in den Studentenjahren bewegte.

In zahlreichen Lesungen saß ich im Publikum und repräsentierte die Schwester und die Familie. Beim wiederholten Zuhören merkte ich, dass sie die Ereignisse, die weit zurücklagen, mit einer Lebendigkeit beschrieb, als würde sie durch ein Fernrohr schauen. Die Kritiker stellten fest, dass sie ein neues Kapitel deutschsprachiger Literatur schrieb. Die Preise, die die Freundin bekam, hatten ihren Preis. Sie musste mit den Zügen Deutschland durchqueren, von einer Lesung zu nächsten. Anstrengung, Müdigkeit, Verstopfung. Das war schwer, aber meine Freundin sprang über die Hürden, sang ganz bewusst „I can’t get no satisfaction“. Sagte öfters „OK“ und „you know“, trug eine Feder in ihrer alten Ledertasche und komponierte in Zügen das kollektive Schicksal im Frauenwonaym. Ihre Offenheit und Kühnheit über sexuelle Tabus hinwegzugehen, wie sie es in „Die Brücke vom Goldenen Horn“ tut, fand ich schon in der Istanbuler Schauspielschule faszinierend. Und da jetzt die Autorin als Gelobte an der Reihe ist, will ich sagen: Sie war schon damals ein Mensch, der sich nicht selbst betrügt, der alles aussprach. Sie brach als erste auf zu der tabuisierten Entdeckungsreise zu Körper und Seele und wurde mir ein Vorbild der Sinnlichkeit. Die Geschichten über die Deflorationen, die geheimnisvollen Diamanten spiegeln das sexuelle Verlangen und die Angst der jungen Frauen meiner Generation. Beim Poesie- und Politikmachen vertraute sie ebenfalls auf ihre weiblichen Kräfte. Jede ihrer Zeilen bestätigt, dass sie Berge von Männermüll abgeschüttelt hat. Gleichzeitig bleibt sie zart, zarter als die zarteste Seide, in ihrer Beschreibung, wie sich die Liebe zu einem Kokon verwandelt.

Der Stoff, aus dem dieser Kokon wuchs, ist die Stadt Bursa. Das grüne seidene Bursa. Hinter dem Schleier steht die Botschaft von der Befreiung der Frau. Weil die Dichterin aus Malatya-Bursa-Istanbul sich selbst erschaffen hat, ist sie ihrer Zeit voraus und wird die Enge der Gegenwart sprengen. Die eine macht den Anfang, die anderen werden es fortsetzen.

Wegen Post und Paketen vertraute mir die Dichterin, die ständig unterwegs war, ihre Schlüssel an. Wenn sie nach Düsseldorf kam, waren wir wieder zwei Schulschwänzerinnen. Ich hakte mich unter ihren Arm und wir bekamen Flügel, wir machten Pirouetten in der Luft und flogen von der Oberkasseler Brücke direkt zur Goldenen Brücke von Istanbul, während ich die Zauberformel sprach: „Meine Freundin ist eine Feder, eine Feder ist ein Flügel, meine Freundin ist eine Feder und ein Flügel in der Fremde.“ In der Fremde sahen wir uns die leuchtenden Farben der Goldenen Jahre an, unseren Zuckerprofessor, Allah rahmet eylesin, unsere armen Eltern, die wir terrorisierten und die Männer unserer Vollmondnächte.

Als wir auf die Realität und Alptraumhaftigkeit der politischen Ereignisse der 68er Jahre, der brutalen Konfrontation zwischen Studenten und der Polizei in der Türkei zu sprechen kamen, sagte sie: „Icim kanayarak yazdim“, und meinte damit „beim Schreiben verblutete ich nach innen“. Wie unter den Dolchstichen der Charlotte Corday beschrieb sie die Geschehnisse unserer Generation, die so früh verbluten musste. Wenn ich dann allein durch die Trödelmärkte auf der Suche nach Büchern schlenderte, dachte ich an unsere Schlüsselerlebnisse. Ich kehrte zurück zu den Raritäten von Gestern, Schallplatten- und Bücherkartons und dachte in der Stille, dass die Bücher von heute mit diesem gebrochenen Deutsch aus der Feder fremder Frauen morgen als Raritäten gesucht werden, da dieser gebrochene Akzent saftig auf der Zunge zergeht.

Sylvester verbrachte die Dichterschauspielerin bei Zadek und ich bei Zaddiks. Und so kam es, dass ich dank meines spanischen Hutes die fliegende Welt zu schätzen begann, bevor ich fliegen lernte. Ich lernte aus der Theorie, sie aus der Praxis. Auch ohne die Baskenmütze bleibt meine Freundin Rebellin, Repräsentantin und Schlüsselfigur einer Generation, und wenn sie heute am „Place de la Bastille“ wohnt, liegen noch immer in meiner Schublade ihre Schlüssel zu den Sternen.

[Der Text stammt aus dem Vorlass der Autorin in Form eines Typoskripts, deponiert im Frauen-Kultur-Archiv der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf]

 

Zur Autorin

Lore Schaumann: Diana Canetti. Lehr- und Wanderjahre in zwei Kulturen

Stellen wir uns vor, wir sollten ein Buch in türkischer Sprache schreiben, nach einigen Studienjahren, gewiß, und nachdem wir uns in dem fremden Kulturkreis umgetan hätten, ohne aber doch einen Zustand von Anderssein jemals ganz überwinden zu können. Kaum denkbar, meinen wir? Diana Canetti, aus Istanbul kommend und deutsche Romane schreibend, zeigt am umgekehrten Fall, daß es möglich ist.

Sie hat sich allerdings westliche Denkformen nicht erst als Erwachsene aneignen müssen - Kind zweier Minderheiten und mehrerer Sprachtraditionen, lebendes Beispiel für die Brückenfunktion des alten Konstantinopel zwischen Abendland und Morgenland. Die Mutter stammte aus einer jener griechisch-orthodoxen Familien, die 1453 nach der Eroberung durch die Türken in Byzanz geblieben waren. Dort hatten die Vorfahren des Vaters, spanische Juden, von der Inquisition verjagt, im gleichen 15. Jahrhundert Schutz gefunden.

„Mit meinem Vater sprach ich das alte Spanisch, mit meiner Mutter griechisch, in der Volksschule türkisch, im Kloster machte ich das Abitur in französischer Sprache“, schreibt Diana Canetti - damals eine oft verzweifelte Schülerin, denn „ich war ein Kind, das sich in keiner Sprache richtig ausdrücken konnte“. Als einzige Nicht-Mohammedanerin hatte sie sich schon in der Volksschule ans Anderssein gewöhnt, ein Anderssein, das wohl verloren macht, aber auch Widerstandskräfte weckt.

Schwieriger war das äußerlich glanzvolle Elternhaus mit seinem Zank und mit seiner Unvereinbarkeit der Charaktere, die schließlich zu Auflösung und allgemeiner Trennung führte. In ihrem zweiten Roman zeigt Diana Canetti einen Ausschnitt aus dem Leben dieser verwöhnten Bürgerschicht: Den Spielclub „Cercle d’Orient“, in dem die schöne stolze Mutter mit anderen Damen der Gesellschaft ihre Nachmittage und Abende verbringt, während der schwer arbeitende Vater das Geld herbeischafft. Aber auch er zwängt sich abends in den Smoking, lebenstoll, versnobt und auf möglichst genaues Nachahmen westlicher Bräuche bedacht.

Die beiden Kinder werden als Belastung empfunden, es gibt kein Nest, aus dem sie herausfallen könnten. So wandert der Sohn später nach Südamerika aus. Und auch Diana, die manchmal auf dem breiten Autositz schlafend die Eltern erwartet hat, rebelliert früh, entdeckt ihre Härte und Zähigkeit - wenn es denn erlaubt ist, die Leila der Romane mit Diana gleichzusetzen. Aber diese beiden Bücher sind so offenkundig autobiografisch, daß die Abweichungen wahrscheinlich minimal sind.

Etwas, woran wir uns halten können, ist das vorangestellte Freud-Zitat, in dem es heißt: „Es war mir längst klargeworden, daß ein großes Stück der Lust am Reisen in der Erfüllung dieser frühen Wünsche besteht, also in der Unzufriedenheit mit Haus und Familie wurzelt.“ Der Koffer mit den Initialen D. C. auf dem Umschlag des ersten ist ein Symbol für die Unruhe, die beide Bücher erfüllt und sie nachträglich als eines erscheinen läßt, obwohl das frühere spontan und ohne Glätte, das zweite stilistisch ungleich besser ist.

Fort! Ich bin geflohen, ich mußte weg, ich hielt es nicht mehr aus - lauter Aufbrüche, lauter sprachliche Chiffren für Fluchtbewegungen, die schon damals, gewiß aber im Rückblick, als Wege auf der Suche nach sich selbst begriffen werden. Bodenlose Wege zuweilen, sie erinnern an Mutproben, an Absprünge aus den Wolken, bei denen man nicht weiß, ob der Schirm sich entfalten wird. Der Aufbruch ins deutsche Sprachgebiet hat etwas Tollkühnes, absolut Irrationales. Warum ging Diana Canetti nicht nach Frankreich, in ein Land, dessen Sprache sie vorzüglich beherrschte? Das sei sie schon oft gefragt worden. Sie habe aber mit einem Stipendium des Österreichischen Unterrichtsministeriums gerechnet, und sie habe geglaubt, am Reinhardt-Seminar Theaterschriftstellerei lernen zu können.

Als beide Voraussetzungen sich als falsch erweisen, bleibt sie dennoch in Wien, wieder in der Position des Außenseiters, eine junge Türkin, die kein Deutsch kann. Sie nimmt sich vor, „das Lernen sollte für mich nicht ein Nebenzweck meines Lebens, sondern das Leben selbst sein“. In dieser Haltung lebenslangen Lernens stimmt sie exakt mit dem großen, gleichfalls spaniolischen, jedoch nicht mit ihr verwandten Namensvetter Elias Canetti überein.

Die Aufnahmeprüfung am Schauspielseminar besteht sie durch die in Istanbul gelernte Ausdruckskunst. Sie nimmt Unterkünfte und Arbeiten jeglicher Art auf sich, am liebsten im Weichbild der Bühne: „Ich kam jeden Abend um 19 Uhr 30. Schminken, Frisieren und Ankleiden dauerten maximal 20 Minuten. Dann nahm ich einen Bleistift und mein Textbuch, ging hinter die Bühne und saß neben dem Feuerwehrmann. Auf jeder Seite fand ich zwischen zwanzig und fünfzig Wörter, die ich nicht kannte. In meiner Freizeit - zwischen zwei Vorlesungen, während der Mittagspause oder in der Stadtbahn - schlug ich ständig in meinem Wörterbuch nach. Nach zwanzig Vorstellungen kannte ich das Stück fast auswendig.“

Diese wahnsinnige Anstrengung mit der deutschen Sprache hat Diana Canetti schließlich das Studium an der Universität ermöglicht. Dem Abitur auf Französisch folgt die theaterwissenschaftliche Doktorarbeit auf Deutsch - über ein türkisches Thema. Triumph der Zähigkeit, Triumph einer außerordentlichen Begabung. Diana Canetti hat dann für eine türkische Zeitung und für deutsche Rundfunkanstalten gearbeitet, Interviews mit Gastarbeitern und Theaterberichte gemacht und sich an Hörspielen versucht. Ein Theaterstück hat sie nicht geschrieben, doch ist ihr kein Bedauern darüber anzumerken. Warum auch - ihre Prosa drückt aus, was ihr wichtig ist: Die Verlassenheit des ausländischen Studenten in einer der großen Industriestädte, die trotzdem immer wieder durchbrechende Freude, jung und schön zu sein und die freien Beziehungen des Westens auszuprobieren. Ein Freund zeichnet ihr griechisch-minoisches Profil.

Gegen die schon in Istanbul erkannten sozialen Ungerechtigkeiten der Türkei wird leidenschaftlich Partei ergriffen, z. T. mit Hilfe und nach den Instruktionen eines revolutionären Landsmanns, der freilich in der Zweierbeziehung den weiblichen Partner genauso ausbeutet wie der Klassenfeind seine rechtlosen Bauern. Das Kapitel Leila und die Männer, Diana und die Männer steht noch deutlich unter dem Eindruck der neugewonnenen sexuellen Freiheit und hat etwas von einem weiblichen Leporello-Album. Daneben stehen einfühlend gezeichnete Kinderporträts: Nalan, die abgerissen und verängstigt am „Cercle d’Orient“ erscheint, weil ihre Mutter sie über dem Glücksspiel vergessen hat. Gökperi, das scheue, elternlose Kind mit den blonden Zöpfen, das auf einer gemeinsamen Bahnfahrt zutraulich wird.

Immer wieder dieses Thema des einsamen Kindes, aber auch der einsamen, kinderlosen Frau. Diana Canetti hat es in einer (später verfilmten) Schauspielszene gestaltet, die für den qualvollen Geburtsakt ein Stück des eigenen Körpers, den Fuß, zum „Baby“ erhebt.

Der beschreibend anschaulich gemachte Vorgang völliger Entäußerung und die verständnislose Reaktion der Lehrer und Schüler am Reinhardt-Seminar rücken etwaige Vorstellungen über die „kulturell zurückgebliebene Türkei“ sehr wirkungsvoll zurecht: Die bessere Schauspielausbildung brachte Diana von Istanbul mit!

Jetzt wird der Koffer nur noch für Ferienreisen hervorgeholt. Das Gehäuse, das sie mit dem Dramaturgen Jürgen Fischer an der Oberkasseler Hansa-Allee bezogen hat, sieht nach Bleiben aus: Eine große, strahlend hell hergerichtete, nach Farbe duftende Altbauwohnung, ideal zum Arbeiten, Umherwandern, Gästehaben.

Drei Jahre Düsseldorf haben sie mit der Stadt befreundet. Ein interessanter Kreis umgibt sie. Im Schauspielhaus hat sie ein Gefühl der Zugehörigkeit, ohne dort angestellt zu sein. Was sie jedoch tut, und was ihr Freude macht, ist die freie Theaterarbeit mit einer Mädchen-Arbeitsgemeinschaft der Realschule Ackerstraße. Und drei Kurse an der Volkshochschule, über Musil und Saul Bellow - genug „Gruppe“, um gegen die einsame Arbeit am neuen Roman einen Ausgleich zu haben.

Sein Titel „Ein Mann von Kultur“ liegt seit langem fest, ihn fertig zustellen dürfte aber schwieriger sein als bei den Vorgängern, weil Diana Canetti nun nicht mehr einfach ihr Leben „abschreiben“ kann, sondern Erfahrenes und Erfundenes zusammenpassen muß. Sie kam als erste Schriftstellerin mit einer ganz klar umrissenen Detailfrage ins Literaturbüro und forderte Hilfe. Solange sie in Bewegung ist, erscheint sie als morgenländische Fee, die sehr genau weiß, was sie will. Aus ihrem schweigenden Gesicht spricht jahrtausendealte Trauer.

(Lore Schaumann in: Düsseldorf schreibt. 22 Autorenporträts, Düsseldorf: Triltsch Verlag, 1981, S. 30 - 32)

 

Pressestimmen

Zu: Pygmalion ohne Happy End (1995)

Ähnlich wie ein Sonnenstrahl. Diana Canetti las im Café der Johanneskirche

Der oft gestellten Frage nach Sinn und Nutzen von Kunst und Kultur ging auch die Autorin Diana Canetti nach – und bot eine Antwort mit ihrer autobiographischen Erzählung „Pygmalion ohne Happy End“. Im Rahmen der Autorenreihe „Literatur um halb fünf“ im Café der Johanneskirche, das jeweils am letzten Freitag eines Monats Lesungen anbietet, lernte die internationale Zuhörerschaft mit Diana Canetti eine interessante Persönlichkeit kennen.

Die promovierte Theaterwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin vereint als Person all das, wovon sie in ihren Geschichten erzählt und was man als „interkulturell“ bezeichnen kann. Aufgewachsen in Istanbul „in einem babylonischen Sprachgewirr“ - zu Hause wurde Griechisch, Türkisch, Spaniolisch und Französisch gesprochen - studierte sie Anglistik und verfaßte Erzählungen für eine türkische Zeitschrift. Ende der 60er ging Canetti nach Wien, um Theaterwissenschaften zu studieren. Heute lebt sie in Düsseldorf und schreibt unter anderem Hörspiele für den WDR und SDR, die immer das Thema „interkulturelle Beziehungen“ beleuchten.

Die Erzählung „Pygmalion ohne Happy End“ reiht sich ebenfalls in diesen Themenkreis ein, hat jedoch noch eine spezielle Note. So persönlich und sprachlich schlicht die literarische Erlebnisreise einer Studentin auf der Suche nach ihrer geistigen Welt anmutet, so hebt sie sich durch philosophisch-kluge Gedanken und kritische Selbstreflexion zugleich als eine Geschichte des allgemein Menschlichen hervor. Die junge Studentin ist nicht nur Türkin griechischer Abstammung mit jüdischem Glauben, im deutschen Sprachgebiet lebend auf der Suche nach ihrer persönlichen Kultur, sie ist auch der „in die Welt geworfene“ Mensch, der nicht nur sein Dasein fristet, sondern mit „unbändiger Neugier eine interessante Welt mit einem vollen Geistesleben“ kennenlernen will.

Dabei wird die begeisterungsfähige Studentin immer wieder mit provokativen Thesen ihres Professors konfrontiert, des Pygmalion, der sich mit ihr sein geistiges Abbild zu schaffen versucht. „Alles, was mit Kunst und Kultur zusammenhängt, ist Luxus“, warnt der lebenserfahrene Mentor. Doch die welterfahrene Studentin entgegnet schlicht: „Kultur streichelt unsere Sinne ähnlich wie ein Sonnenstrahl.“ Am Ende spürt sie, daß sie sich aus dem Bann Pygmalions lösen muß, und erkennt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von Symbolen.“

(Renja Greis in: Rheinische Post, 27.01.1997)

Zu: Eine Art von Verrücktheit. Tagebuch einer Jugend (1972)

Sensible Verrücktheit. Ein neuer Name: Diana Canetti

„Heute will ich ein weiteres Mal neu beginnen.“ Dieser Satz steht zwar am Ende eines Buches, aber er könnte über jedem Kapitel, jedem Tag, jeder Stunde der Diana Canetti stehen. Ein neues (interessantes und schönes) Gesicht, ein neues, erfrischendes Buch: „Eine Art von Verrücktheit“. Da kommt eine junge Türkin, der Vater türkischer Jude, die Mutter Griechin, aufgewachsen in Istanbul, in einem Gemisch von Judentum, Orthodoxie, Islam und Katholizismus, und schreibt ein Buch über die Emanzipation junger Menschen.

Diana Canetti verbreitet keine Theorien, und selten erwähnt sie ihre marxistische Grundhaltung. Sie schreibt auf, wie sie nach Wien gekommen ist, dort Arbeit, Freunde und Leben gesucht hat. Streiflichter zeigen andere Stückchen Europa, zurückhaltend, erfahrend.

Diese Offenheit zum Leben, die begeisternde Lernbesessenheit und die Fähigkeit, körperlich zu denken und denkend zu handeln, spontan, ohne Rückversicherung, prallen natürlich im blassen Wien, an den blassen, doktrinären Schauspielschülern und -lehrern ab. Momentane Freundlichkeiten, kurze Liebschaften, viel Gerede und Ablehnung - eine eindrücklichere, für uns deprimierende Konfrontation lässt sich gegenwärtig schwer schreiben. Keine lauten Töne und Proteste; D. C. setzt an ihre Stelle den Versuch, ein, mehrere Gegenüber zu finden, darauf einzugehen, nachzudenken über ihre eigene zeitweilige Einsamkeit.

Da sind keine Bindungen, weil es Bindungen gibt. Sondern menschliche Verbindlichkeiten. Solche, die sich verändern, die plötzlich auftauchen und plötzlich sterben. Da ist kein Theoretisieren über die Emanzipation von Geschlechtern, sondern hier wird Emanzipation von Menschen gelebt als Selbstverständlichkeit.

Wenn die Schauspielschülerin D. C. im Wiener Reinhardt-Seminar aus ihrer vitalen Sicht eine Geburt, eine Mutter mit einem toten Kind, den Tod eines Kindes nicht nur zu „spielen“, sondern auf der Bühne ihren Mitschülern vorzuleben sucht, bekommt sie Verweise: ihre Lehrerin findet das obszön, die Mitschüler „würden sich schämen“, und „sowas gehört sich nicht“ usw.

D. C. wird nicht nur von widerlichen oder anziehenden Umständen gefordert. Sie will nicht einfach „ihr Fleisch verkaufen oder verschenken“. Sie sucht Wechselwirkungen, Zärtlichkeit, Liebe, Freundschaft. Uralte Wünsche, die alle unter Bergen von Konventionen, Moden, Religionen, Doktrinen, Trägheit und Machtspielen vergraben sind. Und von denen alle reden. Von jeher.

Diana Canetti schreibt sich, sie denkt sich, sie lebt sich. Das lässt sich einfach sagen. Aber ich finde, sie zeigt zumindest mit ihrem Buch, dass Einsamkeit durchaus schöpferisch, und die Strecke zum andern sehr kurz und unmittelbar sein kann. Diese Art von Verrücktheit löst Komplexe auf. Sie ist viel mehr als ein „Tagebuch einer Jugend“.

(Beat Brechbühl in: Züricher Weltwoche, 7.12.1972)

Vita

Sie wurde am 14. August 1964 in Düsseldorf geboren, wo sie auch ihre Kindheit und Jugend verbrachte.

An der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studierte sie ab 1986 Germanistik und Italianistik. Studienhalber hielt sie sich mehrfach in Italien auf, in Perugia und in Neapel, wo sie 1990/91 für ein Semester als Erasmus-Studentin lebte.

Eva Christopeit schrieb Prosatexte, Lyrik und arbeitete gleichzeitig bildnerisch und zeichnerisch. In Verbindung mit dem Literarischen entwickelte sie Bildgeschichten mit einem besonderen satirischen Duktus.

Seit 1987 konnte sie in Literatur- und Kulturzeitschriften publizieren und wurde zu Lesungen eingeladen, u. a. vom Sassafras. Für die WZ und den coolibri schrieb sie ebenfalls und hier verstärkt Artikel über bildende KünsterInnen. Eva Christopeit engagierte sich in der Interessengemeinschaft „Frauen in der bildenden Kunst“, angesiedelt an der Kunstakademie Düsseldorf. Hier war sie u. a. für die Pressearbeit verantwortlich.

1992 verlebte sie drei künstlerisch anregende Monate in New York. 1994 schloss sie das Studium erfolgreich als Magistra Artium ab.

Eva Christopeit starb mit nur 33 Jahren am 10. Oktober 1997 in Düsseldorf. Ihr literarischer Nachlass und ein Teil des bildnerischen Nachlasses werden im Frauen-Kultur-Archiv Düsseldorf aufbewahrt.

Publikationen

  • „Eine junge Frau“. In: Zeitschrift für Alles. Roths Verlag, Basel 1987, S. 106.
  • „<Auf der Straße>“. In: Zeitschrift für Alles. Roths Verlag, Basel 1987, S. 104.
  • „Zylinder auf Schweineschwänzchen“. Mit Zeichnung. In: Im Angebot. 2. Jg. Nr. 3, 1989/90, S. 72 und 73.
  • „Der MROTZEK“. 7 Kurztexte. In: Literaturhintergrund. Selbstverlag, Düsseldorf 1990.
  • „Möbliert“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Party“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „WAGNIS“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Auffällig“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Zweckgemeinschaft“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Klimawechsel“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Schauplätze“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Kirmis“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Männer 1992“. Zeichnungen mit Text. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Erst habe ich …“. Mit Zeichnung und Aquarell. In: Blaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Angefangen habe ich …“. Mit Glanzbildern. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Klara Ebstein. Ein Leben in Bildern“. Text, Zeichnung, Aquarell. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992 und in: Blaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1993.
  • „Pension“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992 und in: Blaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1993.
  • „Die Tanzdiele“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992.
  • „Blickwinkel“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992 und in Blaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1993.
  • „Lüneburger Heide“. 1. Fassung. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992; 2. Fassung. In: Blaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1993.
  • „Mezzogiorno“ (= Silvester im Mezzogiorno). In: Terz, Febr. 4/1992, S. 45; Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992; Blaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1993.
  • „Nachruf“. In: In: Blaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1993
  • „Vor Ort 1“ . In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992 und in Blaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1993.
  • „Vor Ort 2“. In: Hellblaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1992 und Blaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1993.
  • „Sehr geehrte Frau Ritterin,…“. Fiktiver Brief. In: Malkastenblätter, Nr. 2, Juni 1993, S. 7 und in Blaues Heft. Selbstverlag, Düsseldorf 1993.
  • „Reih’ dich ein in den Reim“. Kurzhörspiel. Kurzhörspielproduktion für Antenne Düsseldorf und Literaturbüro NRW, 1993.
  • „Mittagstisch“. In: Malkastenblätter. Düsseldorf, Januar 1994.

Texte

Silvester im Mezzogiorno (1991)

Über der Gasse kracht es, zuckt es.
22 Uhr. Detonationen zögern unsere Schritte hinaus. Auf der
Hauptstraße ist Autostille. Kein Taxi fährt vorbei.
Unsere Blicke suchen schreckhaft die Bürgersteige ab.
Feuerwerkskörper explodieren. Die Uhren sind vorgestellt.
Vorneujahrlicher Kriegszustand.

An den Häusermauern gehen wir in Deckung. Dann tasten wir uns
wieder zur Straße vor, spähen, lugen, bangen.
Ein Knallkörper schlägt dicht neben uns zu Boden. Vom Balkon
gegenüber wird scharf geschossen. Wir werden angepeilt. Unser Fluch
stärkt die Schützin, macht ihr Mut und uns Angst auf der
menschenleeren Straße.

Wir kehren um, schleichen ins Haus, rufen ein Taxi durchs Telefon.
Die Gasse ist eng, der Wagen wird nicht in den Hinterhof kommen.
Wir müssen die beschossene Gasse zur Hauptstraße zurück, winken.
Schritt für Schritt fußen wir voran, kauern wieder an der Mauer,
halten Atem an und betreten die Straße.

Ein Auto macht sich breit, kein Taxi fährt vorbei, niemand holt uns.
Es knallt. Schwefelnebel liegt über der Nachbarschaft und wird zu
Kopfschmerz. Akustische Krater reißen ins Ohr, verhallen,
wie Triangeln.

Sprengkörper schlagen die Alarmanlagen parkender Autos ein.
Die Sirenen mischen sich mit der Sprengwut.
Wir zucken zum Haus zurück.
Jetzt stehen Kinder im Hof und verbrennen Holz.
Ein Junge tritt Flammen mit Füßen.
Auf dem Asphalt raucht ein verendeter Kracher.
Der Himmel ist erleuchtet.
Die Zentrale meldet sich nicht mehr.

Wir äsen in der Wohnung, grasen die Küche nach Eßbarem ab.
Die Party findet zu Hause statt. Spaghetti schlängeln sich durch Öl
und Knoblauch.
Eine fettige Teigmasse, Menüverzicht. Ein Restposten Wein füllt zwei
Gläser.

Wir öffnen die Balkontür über den Dächern der Stadt. Im Talkessel
dampft es, knallt es.
Schwarzer Weihrauch steht jetzt im Raum.
Noch zwei Minuten bis Mitternacht.

Wir sehen die Dächer nicht mehr, nur einen unbestimmten
Ascheschleier, der sich über den feierlichen Himmel spannt.
Reißende, zuckende, zischelnde Raketen platzen, Lichter zerstreuen
sich, Bauten vibrieren unter der Hochspannung, in die grobes
Zündwerk hineinwuchtet.
Schwefel, überall Schwefel, frohes Neujahrsgefecht.
Gequälter Nachthimmel, noch Stunden später.
Krachen im Kessel
Zerstörung total
Federvieh flieht.

Phantastisch-skurrile Bildgeschichten

Evchen (1992)

Früher dachte sie sich in andere Kinder hinein, die sie lieber gewesen wäre. Sie fand, sie rede zu viel, obwohl sie eigentlich still war. Manchmal kam es in Sprechsalven aus ihr heraus und ihre Mutter sagte, sie solle sich wieder einkriegen.

Sie hätte gerne alles richtig gemacht. Aber oft machte sie Fehler. Sie nahm sich dann vor: Achtung, fertig, los, keine mehr zu machen. Nichts mehr zu sagen, daß andere die Augen verdrehen ließ, nicht mehr so schnell beleidigt zu sein und nicht mehr die Nase hochzuziehen. Sie stieg dann aufs Fahrrad und schaute an jeder Straßenecke übertrieben genau nach rechts und links und wieder rechts, auch wenn überhaupt kein Auto kam, weil überhaupt nicht viel Verkehr war, da wo sie wohnte.

Aber es dauerte nicht lange und sie machte wieder einen Fehler, zog die Nase hoch oder sagte etwas Falsches und dann fing sie wieder von vorne an und sagte sich halb im Stillen: Achtung fertig los und machte eine Faust, so fest sie konnte und alles sollte ihr gelingen. Ab jetzt, sagte sie dann, straffte ihren Körper und fand sich neu und voller Chancen nun perfekt zu werden.

Sie hatte viele Spielkameraden. Die dicke Doris, Axel mit dem Glanzbilderkoffer, die dreckigen Kinder und Uwe. Sein schmaler Kopf wackelte immer leicht hin und her, als wolle er nicht festsitzen auf dem mageren Hals. Er wohnte gleich an der Eisenbahnbrücke. Roller und Kettcars standen im Hof herum. Das war alles was sie von ihm wollte und es machte ihm nichts aus. Er lieh ihr seine Geräte und wenn er sprach, klang es, als käme er den Worten nicht nach und er hielt den Mund leicht aufgesperrt, die vollen Lippen wie zum ständigen Nachtrag bereit. Uwe überließ ihr dann das Feld und hielt sich mit seinem langen gekrümmten Rücken am Rande, als hätte er seine Kindheit an ein frühzeitiges Gebrechen verloren.

Die Italiengeschichte (1992)

Die Kühe haben ihre Fladen dort gelassen, wo die Fußspitzen hinzeigen. Leone lächelt und sagt nichts. Die schmalen Jeansbeine betonen die Verhaltenheit seiner Hüften, die in keine Taille münden. So gut ist Esthers Italienisch nicht, ihn darauf aufmerksam zu machen.

Im Wagen rutscht das Dach kleingefaltet hinter ihre Köpfe. Späte Sonne fließt wie geschmolzenes Kupfer, nur eine Brise blonder über die Sitze. In der Trattoria stehen die Türen offen. Esther wählt die Speisen nach dem Klang der Worte und nach Leones Gesten und der Mimik seines Kommentars. Er lacht über Esthers Kauderwelsch, und seine Augen funkeln braun, und es hängen Wimpern daran, die dunkel sind, dunkler als die Haut seiner hohen Stirn, die von buschigem Haar umkränzt wird. Seine Stimme könnte sie in jeden Schlaf singen und vor Alpträumen bewahren.

Sie hat seine Nase mit dem Knick schon näher kommen sehen und ihre kurze Nase daran gestoßen und den Abdruck seiner Lippen in ihr Bett nebenan getragen. Aber in seinem Arm kann sie nicht bleiben. Und er läßt sie nicht bloß von sich nippen. Nur ganz kann sie ihn haben, und das kann sie nicht, nicht im Herzen und nicht fern der Heimat. Wenn das Telefon für Esther klingelt, antwortet sie der Männerstimme, die in ihrem Ohr wohnt, entrückt, wie von fern, während Leone mit dem Geschirr in der Küche hantiert. Dann geht Esther schnell an ihm vorbei, denn ihr Gewissen reut die Worte, die tonlos durch die Muschel fielen.

Leone kocht, was er kann. Spaghetti. Er versteht das mit Esthers Gewissen. Wir können Freunde sein, sagt er mit einem Augenaufschlag und senkt seine Schelmenmiene über den Teller. Esther tut so, als wäre sie nie älter als fünf Jahre geworden. Sie mag Leones Schoß zum Draufsitzen, als Schemel, damit sie ihm besser im Gesicht herumfuchteln kann. Sein Körper ist so ein Ruhekissen, wenn Esther das Feuer auf Sparflamme hält. Sie weiß nicht, wo sie mit den großen Flammen hin soll, die ihr Mund entfacht hat und die sich über den Rücken hinabzüngeln. Esther windet sich im schmeichlerischen Atem und nimmt unvermittelt die Arme aus dem Spiel. Leone erhebt sich. Seine Stimme klingt offiziell. Er will sich nicht mehr begrabschen lassen, wenn Esther nicht die Reihenfolge einhalten kann. „Wir sind bloß Freunde“, sagt Leone zu seiner Kameradin. Der Bernhardiner wird zum Königspudel. Es müssen erst Stunden vergehen, und sie darf wieder nach seiner Pfote greifen.

Leones Wohnung ist eine Herberge. Esthers Zimmer ist auch Veras Zimmer. Die Schlafstellen sind die Raumteiler zweier Privatsphären, die sich an Kopf- und Fußende berühren. Die Kumpelin in Vera kommt mit allen Menschen zurecht. Sie packt das Leben an der Wurzel und steht kernig in breiten Hüften darin. Ihre ausgedehnten Wiener Vokale überziehen auch die italienischen Silben mit ihrer Herkunft. Geduldig schreibt sie Lektion für Lektion in ihr Heft. Sie will, so wie Esther, eine Sprache verstehen, die zu sprechen sie noch nicht gelernt hat. Vera weiß nicht, wie es um Esther steht. Leone ist das Geheimnis einer zufälligen Wohngemeinschaft, das Dach über dem Kopf, das Esther auf einem Adresszettel in die Hände fiel. Die Zeit schweißt Vera und Esther wie zu einer Dauerübernachtung zusammen. Doch nur flüchtig haben sich die Geschichten am Küchentisch zusammengeknüpft, scheinen die Gesichter zum Greifen nah, während Esther den Fernseher bei der Antenne packt, die zimperlich querschlägt.

Leones Freunde sind beiläufig hereingeschneit und im Sofa versunken. Auf dem Tisch liegt jetzt allerlei Lotteriespiel. Nummern werden aus einem Sack gezogen, und Erbsen markieren die Treffer auf den Zahlenbrettern. Leones Schenkel lassen sich von Esthers Schenkeln ansaugen und verharren. Über das Spielbrett gebeugt, berührt sein Atem ihre Wangen. Er ist das lautmalerische Echo der Gewinnzahlen, damit Esther kein Treffer entgeht. Sie steckt die gewonnenen Lire ein. Ihre Augen senken sich unterm Neonlicht. Auf der Hammondorgel läutet Leone die letzte schlafwandlerische Begegnung ein.

Esther liegt im dunklen Abteil zwischen dicken Männerleibern auf ihrer Pritsche. Lichtstreifen flutschen durch die Jalousie über Esthers Nachtatem. Ob er sie wiedersehen werde, wollte Leone wissen. Da hatte sie ihm die Monate vorgezählt, die Monate bis Klingglöckchen. Dann war er verschwunden, der Zug war noch nicht angefahren. Leone stand im Halteverbot und Esther wollte keinen Abschied, der sich zuwinkt bis zur Unkenntlichkeit.

Esther geht mit ihrem Beutel durch den Waggon. Sie blickt nüchtern in den Toilettenspiegel.

Die Lautsprecherstimme einer deutschen Station klingt wie der Widerhall ihrer Rückkehr.

Eine unbestimmte Freude lacht sie an.

Die Stunden der vorrückenden Landstriche sind gezählt.

Esthers Ankunft schließt die Gedächtnislücken.

Die Taschen auf der Ablage fallen ihr mit einem Satz entgegen.

Die Türen wollen aufgestoßen werden.

Der Körper, der ihr entgegenläuft, erscheint ihr plötzlich fremd und mager. Sie schaut durch das freundliche Gesicht hindurch und taucht ab in Bilder, die Leone ihr auf’s Auge gedrückt hat. Sommerbilder.

Auf dem Bahnsteig ist es längst Herbst.

Die Baden-Württemberg-Geschichte (1992)

Im Lokal bestellt Esther mittags Kalbsbraten und Spätzle. Die Kellnerin macht ein rundes, gütiges Gesicht. Sie ist sehr stark in den Armen. Der Raum ist ganz in Holz gehalten. Die Tische stehen einfach. Einer wird von lauten, alten Männern umkränzt.

Claas teilt sein Maultaschenomelette in kleine, spitzwinklige Dreiecke. Esther trinkt ein helles Bier. Claas nippt am Baden-Württemberger und sagt: „Ausgezeichnet.“

Das Hohenloher Schloß erreichen sie mit dem Auto. Im Lichthof des Schlosses rührt sich nichts. Esther drückt eine Klinke. Das Fenster öffnet sich und eine dunkelfrisierte Dame streckt ihren Kopf heraus. „Ich komme!“ „Das macht dann acht Mark“, sagt die Person, kaum daß sie an der Türschwelle zum Stehen kommt. „Damit Sie mir nachher nicht weglaufen.“

Claas und Esther folgen der Geschäftsfrau nach unten. Dort stehen Menschen Spalier, weil die Vorgruppe gerade heimkehrt. Die Dame im Lodenmantel kann nun ihre Führung beginnen. Die Formation folgt ihr zweireihig in die Gemäldegalerie. Dort setzt eine Streuung ein. Man bleibt lose fixiert auf die Sprecherin. Die findet nicht die richtige Tonlage.

„Mit der Sprechpuppe stimmt etwas nicht“, sagt Esther. Claas antwortet nicht. Esther sucht das Weite im Nebenraum. Hier hängen Pistolen und Waffenallerlei an den Wänden. Esther hätte gerne etwas davon. Aber sie führt keine Zange zum Lösen des Befestigungsdrahtes bei sich.

Die Führerin trägt ihre gefütterten Stiefel durch die hinteren Säle, da wo Licht brennt. Esther friert an den Füßen. Sie steht bei Claas. Der wärmt sie nicht. Die Vitrinen zeigen schönes Porzellan. Ein Streifen Sonne saugt sich voller Staub. Der Geruch stört etwas beim Schauen.

Abends platziert der Ober sie im Restaurant an einen Tisch unterhalb der vertäfelten Jagdszenen. Claas versinkt in einer Chaiselongue. Aus dem Out dringt eine Panflöte. Kleine Butzenscheiben neutralisieren die unbeständige Wetterlage. Die Kerze entzündet sich am Streichholz.

„Wenn es hier bloß nicht so rotgeräumt wäre“, meint Esther.

„Genieß es einfach“, erwidert Claas in Spendierhosen. Esthers Maultaschen liegen bei den Möhren, die Claas nicht leiden kann, weil sie geriffelt sind. Sein Steinpilzteller ist ein Flop, wegen der Champignons.

„Zahlen“.

Der Kellner bringt ein weißes Tellerchen mit einer Stoffserviette garniert.

Esther legt die Zahlmasse nieder.

Die Tanzdiele (1993)

Sie trug eine Bluse mit Zierleiste und Kragenrund und tanzte mit der Salamanderin. Die tanzte nicht gerne mit Stocky, weil sie nicht aus den Hüften herauskam, so gelehrig sie in anderen Dingen war. Stocky hatte einen Burschen mitgebracht, der sich geduckt hielt, um seine Präsenz zu schmälern.

Eine großgewachsene Person mit Mandelaugen stand zuschauend an der Tanzfläche, ohne den Mund ganz zu schließen, so wie ein Kaninchen, das während des Möhrenverzehrs kurz innehält. Sie trug Schwarz am Körper, Schwarz, das sie verhüllte und ihre Formen verwischte.

Auch wenn die Große gerne tanzte, so schien sie sich nie wirklich mit dem Raum zu verweben. Ihr Körper behielt immer etwas Hervorstechendes, Zurückgenommenes. So als würde auf Zehenspitzen wandeln, was auf den Boden gestellt gehört.

Ihr Rücken war wie von einer unsichtbaren Last leicht gebeugt, und ihren freundlichen Worten schwang manchmal ein Anflug von Entsetzen bei. Sie hatte sich ihren Protest gegen falsche Freunde sicher hart erkämpft, und der Ausdruck davon lag beinah wie etwas Aufgesetztes in ihrem gutmütigen Gesicht.

Die Frau, die jetzt bei Stocky stand, hielt sich ans Glas und bekam heute die Zähne nicht auseinander. Stocky imitierte ihre Brummigkeit und zwickte sie auf der Tanzfläche mehrmals in den Bauch, eine linkische wenn auch gutgemeinte Geste, die die Brummige mit gequältem Lächeln honorierte.

Stockys Begleiter war von auffallend hölzerner Statur und faßte beim Tanzen kaum Fuß.

Die Brummige fühlte sich durch ihn wieder in Schulzeit und Pubertät versetzt. Sie erinnerte sich an den Partykeller von Uwe und an die Attraktion des Abends, die darin bestand, daß Uwe für alle Pommes Frites aus der Bude holte, die seinen Eltern gehörte.

Die Brummige mochte jetzt nicht mit solchen Rückblenden konfrontiert werden und schnitt den Kameraden mit der Ponyfrisur. Seine Unterlippe war leicht vorgerückt und das runde Kinn so plastisch, als hätte sich seine Zunge dort zum Verweilen hineingeschoben.

Inzwischen fegte Stocky von einem Musikstück aufgefordert über die Tanzfläche, wobei sie die Mittänzerinnen in ihre ruckhaften Bewegungen einbezog, was ihr das ein oder andere Lächeln einbrachte. Lieblich fielen ihr die kastanienbraunen Haare ins Gesicht, die nicht das Wilde in ihren Augen verbargen, das Begehren, das sich bis in die Hüften hinab wand, wo es unerfüllt blieb.

Die Mürrische war nun auch in Schwung gekommen und ihr Gesicht entspannte sich allmählich über den prickelnden Inhalt ihres Glases.

Die Salamanderin war schon stark angetrunken und strahlte wangenrot vor Glückseligkeit. Ihre enge Streifen-Strumpfhose hatte etwas Obszönes, das sich in der Betonung des Schrittes verdichtete, wo die Hose zur zweiten Haut wurde. Die Salamanderin hatte zu Hause lange vor dem Schrank gestanden und überlegt, welche Zielgruppe sie ansprechen mochte. Die Mürrische war dabei gewesen und hatte ihr geraten, nicht wieder die Unkomplizierte zu mimen.

Die Salamanderin und die Mürrische hatten mal was miteinander gehabt und seit damit Schluß war, saß die Salamanderin auf dem Schoß von einer mit fliehender Stirn, die rückenfrei trug.

Die Mürrische trug einen engen Einteiler unter dem poppigen zugeknöpften Hemd, damit ihre Brüste beim Tanzen in Vergessenheit gerieten. Ihre schlanken Beine mündeten in großen schwarzen Schuhen, die sie poliert hatte.

Die Salamanderin saß heute abend nicht auf dem Schoß der Rückenfreien. Etwas mußte vorgefallen sein, worüber die Salamanderin sich ausschwieg. Sie hatte sich in ihrer Streifenhose leicht verausgabt und empfand ihre Umgebung als um einige Umdrehungszahlen zu langsam. Ihre Stimmung schlug plötzlich um. Sie behauptete sich zu langweilen und sah einen Kontakt mit ihrer Zielgruppe nicht mehr in Aussicht gestellt. Sie meinte sogar, daß eine solche gar nicht im Raum sei, nahm ihren Überziehpullover und verabschiedete sich.

Die Große würde später wieder ein Taxi nehmen. Seit dem nächtlichen Überfall am Kinderspielplatz ging sie kein Risiko mehr ein und sparte lieber am Essen. Sie blieb zu gerne bis Ladenschluß.

Auch wenn die Tanzdiele für Paare ihresgleichen reserviert war, so kamen vereinzelt Besucher, auf die das Lokal bloß eine Anziehung des Exotischen ausübte.

Stocky zog hastig an ihrer Zigarette und hielt mit der anderen Hand die Bierflasche. Bei ihr standen die akademische Berufenheit und das zukünftige Ansehen in der Institution auf dem Spiel. Deshalb behielt sie draußen für sich, was sie drinnen preisgab.

Das Lokal leerte sich zunehmend, als die Mürrische sich noch mit Blicken herumtrieb, die sie auf ein Augenpaar heftete, das zu einer kräftigen jungen Frau gehörte. Die Mürrische übernahm nicht gerne die Rolle der Älteren, an die die Erwartung des Werbens geknüpft war. Ihr gelang es jedoch nach Stunden zumindest, den Namen der Jungen zu erfragen und sie trug ihn, freudig auf den Lippen führend, nach Hause.

Stocky und die Große standen eng beisammen und hätten eigentlich kein schlechtes Paar abgegeben; nur, daß sie beide das Andere suchten und sich zu gleich waren, als daß die ersehnten Abenteuer in Worte gekleidet, noch den Zauber des Unausgesprochenen gehabt hätten.

Literarischer Lebenslauf (1994)*

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Edition Fotokopie Düsseldorf/Bilk 1988
  • Edition Copyright Christopeit. Mit Illustrationen von Sukullus, Paris 1986
  • 99 Gedichte. Verlag Erbsensuppe Karlplatz, Düsseldorf

Literaturzeitschriften

Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. in: „Die Tjoven. Der Pappkamerad“

Lesungen

  • Sind so kleine Hände, Stoffeler Kapellchen, Düsseldorf
  • Timo und Dixi, im Hundesalon Derendorf mit Trimm-Performance und Pettiküre
  • Zahlreiche Bistro-Lesungen u.a. Bei Toni, Auf’m Hennekamp, Zur Tränke

Stipendien, Preise

  • Hossa Gildo Literaturpreis 1987
  • Literaturpreis Rhein, Main, Donaukanal 1988
  • Arbeitsstipendium Freie Fahrt mit VRR (bis Langenfeld), seit 1986
  • Literaturpreis Winnetou für Stadtschreiber, Bad Segeberg 1989

Aktionen

  • Projektwoche Literatur im Tierheim, Düsseldorf 1987
  • Gastprofessur Literaturtage Berglesen u.a. auf dem Großklöckner, der Reiteralm und der Kneitleralm (Obb.) 1987
  • Literatur-Klangperformance mit Köbes (Saxophon), Kulturtage Flehe 1989, gesponsert durch Babycalamares GmbH.

Hörspiel

  • „Zur Wurst gehört Senf“, ein Kriminalstück rund um den Viktualienmarkt. In Zusammenarbeit mit dem BBS München, 1990

Sonstiges

  • Unveröffentlichte Handschriften seit 1979
  • Reisen ins In- und Ausland u.a. 1982 (Schloß Burg), 1983 (Southampton)

*Eingereicht beim Kulturamt Düsseldorf für die Ausgabe „Literatur in Düsseldorf“, Ausgabe 1994

Vita

  • Geboren am 06.01.1928 in Leverkusen (Wiesdorf).
  • Vater Dr.jur. Heinrich Claes, Bürgermeister(1921 – 1933) wurde von den Nationalsozialisten aus seinem Amt vertrieben – Umzug nach Köln
  • Studium der Geschichte und Germanistik bei Richard Alewyn an der Universität Köln
  • 1952 Geburt der Tochter Undine Gruenter, später erfolgreiche Autorin
  • 1953 Promotion mit der ersten Dissertation über Gottfried Benn.
  • 1957 erste wissenschaftliche Arbeit über Else Lasker-Schüler für die deutsche Forschungsgemeinschaft unter dem Titel "Das Gesicht und die Maske“
  • 1975-1988 Gründung und Leitung des gemeinnützigen Vereins "Mit Worten unterwegs. Schriftsteller arbeiten mit Inhaftierten"; sie organisierte rund 1000 Lesungen und lektorierte zahlreiche Gefangenentexte. Sie engagierte sich zudem in Einzelbetreuungen und Bewährungshilfen.
  • Sie war Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller und in der GEDOK.
  • 2008 wurde ihr 80. Geburtstag im Düsseldorfer Heine-Institut gefeiert.
  • Astrid Gehlhoff-Claes starb am 1. Dezember 2011 in Düsseldorf.

Auszeichnungen

  • 2003 Trude-Droste-Gabe der Stadt Düsseldorf
  • 2002 Stipendium der Stiftung Kunst und Kultur des Landes NRW (für: „Abrahams Opfer“).
  • 2000 Ehrenstipendium der Stiftung Kunst und Kultur des Landes NRW.
  • 1992 Ehrengast Villa Massimo, Rom.
  • 1989 Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen.
  • 1986 Bundesverdienstkreuz I. Klasse.
  • 1985 Stipendium des Deutschen Literaturfonds.
  • 1965 Förderpreis zum Immermann-Preis, Düsseldorf.
  • 1964 Literaturförderungspreis der Stadt Köln.
  • 1962 Förderpreis zum Gerhart-Hauptmann-Preis für ihr Schauspiel „Didos Tod“
  • 1957 Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Publikationen

Prosa

  • Inseln der Erinnerung. Begegnungen und Wege. Düsseldorf: Grupello Verlag, 2002
  • Einen Baum umarmen. Briefe 1976-1991 (zus. mit Felix Kamphausen). Krefeld: Van Acken 1991
  • Abschied von der Macht. Roman. Krefeld: Van Acken, 1987
  • Erdbeereis. Erzählungen. Düsseldorf: Erb Verlag, 1980

Lyrik

  • Nachruf auf einen Papagei. Gedichte. Krefeld: Van Acken 1989
  • Gegen Abend ein Orangenbaum. Gedichte. Düsseldorf: Erb Verlag 1983
  • Meine Stimme Mein Schiff. Gedichte. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1962
  • Der Mannequin. Gedichte. Wiesbaden: Limes 1956

Dramentexte

  • Abrahams Opfer. Zwei Theaterstücke. Düsseldorf: Grupello Verlag 2004
  • Didos Tod. (Collection Theater: Text, 18). Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1964

Sachbuch

  • Der lyrische Sprachstil Gottfried Benns. (Ungedruckte Dissertation von 1953). Düsseldorf: Grupello Verlag 2003

Beiträge in Anthologien (In Auswahl):

  • Gedichte. In: Spätlese. Hrsg. von Michael Serrer. Düsseldorf: Grupello 2003
  • Mein Sankt Gereon. Erzählung. In: Romanik in Köln. Köln: Greven 2001
  • Am Fluss. Gedichte. In: Alla Pfeffer (Hg.): Zeitzeugen
  • Bekenntnisse zu Düsseldorf. Düsseldorf: Düsseldorf 2001
  • Rheinallee. Erzählung. In: Alla Pfeffer (Hg.): Straßenbilder. Düsseldorf: Düsseldorf 1999

Mit-/Herausgeberschaft

  • Gottfried Benn: Briefe an Astrid Claes 1951 – 1956. Hrsg. von Bernd Witte. Stuttgart: Klett Cotta Verlag, 2002
  • Bis die Tür aufbricht. Mit Worten unterwegs. Literatur hinter Gittern. Anthologie. Düsseldorf: Erb Verlag 1982
  • Else Lasker-Schüler: Briefe an Karl Kraus. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1959

Übersetzungen/ Überarbeitungen

  • Gofredo Parise: Il padrone: Der Chef (zus. mit Sigrid Gori). Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1966
  • Henry James: Notebooks: Tagebuch eines Schriftstellers. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1965
  • James Joyce: Pomes Penyeach: Am Strand von Fontana. Gedichte (zus. mit Edgar Lohner). Wiesbaden: Limes 1957
  • Richard Church: Dog Toby: Im Grenztunnel verirrt. Köln: Winkler 1956
  • Prudence Hill: Wind and weather permitting: Abenteuer in Wind und Wasser. Köln: Winkler 1955
  • Wystan, H. Auden: Poems: Der Wanderer (zus. mit Edgar Lohner). Wiesbaden: Limes 1955
  • Daniel Defoe: Robinson Crusoe. Frei bearb. Köln: Winkler 1955
  • Charles Dickens: David Copperfield. Köln: Winkler 1954
  • Patricia Lynch: Fiddler’s Quest: Das Mädchen mit der Geige. Köln: Winkler 1954
  • R. Riemersheim: Dagmars glücklichste Zeit. Ein Mädchen erlebt Holland. Köln: Winkler 1954
  • Sindbad, der Seefahrer und Zwei Abenteuer des Kalifen Harun Arraschid. 2 Märchen aus 1001 Nacht. Neu bearb. Köln: Winkler 1954Alison Wright: The Blades: Das Haus auf Rädern. Köln: Winkler 1955

Pressestimmen

Zum Tod von Astrid Gehlhoff-Claes: Lyrikerin Astrid Gehlhoff-Claes gestorben

Wie erst jetzt bekannt wurde, ist am 1. Dezember 2011 die Lyrikerin und Übersetzerin Astrid Gehlhoff-claes 83-jährig in einem Düsseldorfer Pflegeheim gestorben. Sie hatte 1953 mit einer Arbeit über Gottfried Benn promoviert und wurde von ihm in ihren frühen Jahren als Lyrikerin gefördert. Ihr Briefwechsel mit dem Dichter erschien 2001, zwei Jahre später wurde auch ihre Dissertation erstmals veröffentlicht. Neben zahlreichen Lyrikbänden erschienen 2002 autobiografische Aufzeichnungen unter dem Titel «Inseln der Erinnerung». Astrid Gehlhoff-claes war die Mutter der Schriftstellerin Undine Gruenter.

(Neue Zürcher Zeitung, 21.01.2012)

Trauer um Dichterin Astrid Gehlhoff-Claes

Spaziergänger in den Rheinwiesen von Oberkassel werden die kleine, zarte Frau noch gut in Erinnerung haben. Wie sie mit ihrem geliebten Hund Noah spazieren ging, einem reinrassigen „Cavalier King Charles“, der sie überallhin begleitete – zu all ihren Lesungen, auf Reisen, oft nach Rom. Astrid Gehlhoff-Claes war eine eigensinnige, feinnervige, beeindruckende Erscheinung – in ihrer Dichtung wie in ihrem Leben. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist die Lyrikerin bereits am 1. Dezember 83-jährig in einem Pflegeheim gestorben.

Wer an Astrid Gehlhoff-Claes denkt, muss sogleich an Gottfried Benn denken. Das ist ungerecht gegenüber dem sehr eigenständigen Werk der Lyrikerin; aber diese Beziehung ist eben auch ein Markstein ihrer literarischen Entwicklung. Als erste in Deutschland hatte Gehlhoff-Claes über Benns Sprachstil promoviert. Der Dichter suchte die Nähe der jungen Forscherin, las ihre Gedichte und geriet in Verzückung. „Ich wollte, es wäre von mir“, urteilte er ziemlich pompös über eins ihrer Gedichte. Man ahnt, dass nicht nur die Verse Benn verzückten. Nachzulesen ist das in dem wunderbaren Briefwechsel der beiden, der nach rechtlichen Streitereien erst vor knapp zehn Jahren erscheinen konnte. Benn hat ums „Liebe Kindchen“ geworben; die Angebetete wusste sich mit allerlei Ausreden dem zu entziehen. Häufig dienten dazu Unfälle und Krankheiten. Darauf Benn in einem Brief: „Ihnen passiert viel, finde ich . . . Ich erlaube mir, über Ihre kranken Stellen zu streicheln.“

Die Gedichte hatten die Lobeshymnen von Benn („verblüffend“, „unvergleichlich“, „wunderbar“) nicht unbedingt nötig; aber sie verhalfen ihnen natürlich dazu, weithin gehört zu werden – wie „Der Delphin“, eine Metapher der Glückssuche und zugleich Zeichen der Unerreichbarkeit. Benn hat Gehlhoff-Claes einmal gefragt, warum sie einsam sei. Als die Angesprochene sich ertappt zeigte, fügte er hinzu: „Gedichte, wie Sie sie mir schickten, entstehen anders nicht.“

Astrid Gehlhoff-Claes, die 2003 für ihr Gesamtwerk mit der Trude-Droste-Gabe (10 000 Euro) geehrt wurde, ließ viele an ihrer Dichtkunst teilhaben, auch Gefangene, denen sie regelmäßig vorlas. In ihrer Autobiografie „Inseln der Erinnerung“ erzählt sie auch von ihrem einzigen Treffen mit Benn. Am Ende des Kapitels dann der verblüffende Satz: „Die Erde war schön.“

(Lothar Schröder in: rp-online, 8.01.2012)

Zu: Gottfried Benn: Briefe an Astrid Claes 1951 – 1956 (2002):

[…] „Die Frauen! Meine größte Leidenschaft war eine Ausländerin gewesen, die nie den Namen Nietzsche gehört hatte. Eine andere, mit der ich ein paar Jahre verbrachte, sagte oft: ,so was wie Dich finde ich alle Tage', dann verschwand sie nach Wien u. nach 3 Monaten eines Nachmittags tauchte sie wieder auf mit einer Salami u. einem Blumenstrauß u. es sollte wieder weitergehn. 3 Monate später nahm sie sich das Leben. Von meinen Freundschaften endeten zwei durch Erschossenwerden (eine von einem eifersüchtigen Freund, eine aus politischen Gründen kürzlich in Russland), vier durch Selbstmorde, zwei weitere sehr nahe Beziehungen starben so.“

Die Frauen! Fast zwanzig Jahre nachdem Gottfried Benn dem Freund Oelze seine Vorliebe für Affären mit eher ungebildeten Damen mehr herausposaunte als gestand (Brief vom 29. Juli 1938), verwickelte sich der Dichter in eine Doppelaffäre mit zwei jungen Literatinnen, die den fast siebzigjährigen Dichter häufig in intellektuelle Dispute verwickelten: über seine Verse ebenso wie über die eigene Lyrikproduktion. Denn Ursula Ziebarth und Astrid Claes, wiewohl grundverschieden, schrieben beide, Lyrik wie Prosa, und zögerten nicht, den Meister in deutlichen Worten zu kritisieren, wenn es ihnen nötig schien. „Sie sind der Dichter der Morgue und der Trunkenen Flut, Sie dürfen mit dem Namen Gottfried Benn doch heute nicht mehr machen, was Sie wollen. Sie haben die Welt beschenkt, wie sie es nie verdient hatte; sie hat dieses Geschenk angenommen. Was veranlasst Sie also zu dieser Ungeduld, die Sie dem von Ihnen selbstgestellten Anspruch untreu werden lässt? Warum warten Sie nicht mehr?“

Gottfried Benn hatte kein Jahr mehr zu leben, als ihm die junge Astrid Claes diese Frage stellte. Die Mißbilligung der Bewunderin, die sich mit ihrem Brief vom 12. September 1955 als Hüterin des Werkes empfiehlt und auch bereit ist, seinen Rang gegen dessen Schöpfer selbst zu verteidigen, hatte sich an Benns Gedichtband "Aprèslude" entzündet. Es mag Zufall sein, daß sich diese Kritik ausgerechnet auf jene Gedichte bezog, auf die Ursula Ziebarth keinen geringen Einfluß gehabt haben soll, aber es wirft doch ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnisse der beiden jungen Frauen: Sie waren Rivalinnen. Daß Benn diese Rivalität nicht unrecht war, ja daß er sie geradezu befördert hat, durfte man lange vermuten. Die soeben erschienene Ausgabe von Benns Briefen an Astrid Claes läßt die Hypothese zur Gewißheit werden.

Schon einmal, vor fünf Jahren, waren diese Briefe im Klett-Cotta-Verlag angekündigt worden. Sogar eine Rezension ist 1997 erschienen. Ihr Verfasser hatte nach den Fahnen gearbeitet und nicht damit gerechnet, daß der Verlag den Band zurückziehen würde. Über die Gründe wurde damals viel spekuliert. Unumstritten ist, daß Ursula Ziebarth einen Anwalt beauftragte, den Verlag darüber zu informieren, daß sie die sie betreffenden Passagen der Briefe einsehen möchte, und sich den Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte vorbehielt. Ob es stimmt, daß Astrid Claes sich weigerte, dem Verlag die Originalbriefe vorzulegen, wissen nur die Beteiligten selbst. Als im vorigen Jahr „Hernach“ erschien (F.A.Z. vom 23. August 2001), die Ausgabe der etwa 250 Briefe Benns an Ursula Ziebarth, versehen mit ausführlichen „Nachschriften“ der Empfängerin, erwachte das Interesse an den Claes-Briefen erneut.

Astrid Claes hatte Benn, über dessen Werk sie promovieren wollte, im November 1951 erstmals geschrieben und um ein Treffen gebeten. Nachdem zunächst die Briefe in großen, fast zwölf Monate währenden Abständen gewechselt werden, entwickelt sich ab April 1954 eine dichte Korrespondenz, die in der vorliegenden Ausgabe sechsundsechzig Schreiben umfaßt: lange, inhaltsreiche Briefe, kurze, rasch hingeworfene Nachrichten, einige Telegramme. Ob damit sämtliche Briefe an Astrid Claes vorliegen, darf jedoch bezweifelt werden. Zwar versichert der Verlag, man habe die 1997 angekündigte Ausgabe ohne jede Änderung übernommen, aber schon ein erster Blick in die alten Fahnen zeigt, daß dies nicht ganz richtig sein kann - umfaßte die Edition 1997 65 Positionen, so versammelt sie heute 66 Schreiben. Darauf geht die editorische Anmerkung im Anhang nicht ein. Allerdings wird hier darauf hingewiesen, daß neun Briefe bereits veröffentlicht waren. Max Rychner hatte sie in seine 1957 erschienene Ausgabe der "Ausgewählten Briefe" aufgenommen. Daß damit ein großer Teil der schönsten und bedeutendsten Briefe bereits publiziert war, mindert kaum den Wert der neuen Ausgabe: Man liest Benns Episteln gern als Solitäre, und zwar nicht nur dort, wo sie von der Lyrik handeln und dabei auch ins handwerkliche Detail gehen. Aber erst im Zusammenhang der gesamten Korrespondenz werden Entwicklungslinien, Konflikte oder Leitmotive erkennbar.

Die Philologie der Benn-Briefe ist keine einfache Sache. Ursula Ziebarths schlichtes Archiv-System erwies sich als Glücksfall. Sie hat alle Briefe in einem Karton aufbewahrt, chronologisch geordnet, die Umschläge, die für die Datierung entscheidend sein können, sind vollständig erhalten. Zuweilen hat Benn mehrere Blätter unterschiedlichen Formats in ein Kuvert gesteckt, ein Verfahren, das seine Briefpartnerinnen nachahmen sollten, wenn sie allzu Intimes mitteilen wollten. Denn gelegentlich hielt Benn es für angebracht, die Episteln seiner jungen Bewunderinnen seiner Frau Ilse zur Ansicht vorzulegen. Dann nahm er den Zettel mit Verfänglichem heraus und legte der Gemahlin nur den harmlosen Brief vor. Bei allen praktischen Vorzügen für das Eheleben birgt dieses Verfahren eine editorische Gefahr: Allzu leicht können die oft undatierten Zettel durcheinandergeraten. Dies mag die Ursache dafür sein, daß der Wortlaut in Rychners Ausgabe von der neuen Edition abweicht. Der Herausgeber Bernd Witte führt Abweichnungen jedenfalls darauf zurück, daß damals „Teile mehrerer nicht zusammengehöriger Briefe unzulässigerweise unter dem Datum eines einzigen Schreibens zusammengefaßt wurden.“ Differenzen sind dadurch zwar erklärbar, aber Auslassungen?

Wer den Brief Benns vom 25. Juli 1954 in beiden Ausgaben vergleicht, wird feststellen, daß in der neuen Edition ein ganzer Absatz fehlt, ohne daß dies kenntlich gemacht würde. Darin kommt Benn auf die Begegnung zurück, die er mit Astrid Claes in Kassel hatte. Das Treffen ist zentral für die vielleicht nicht ganz so zentrale Frage, ob der Dichter in seinen letzten Lebensjahren neben seiner Ehefrau Ilse ein oder zwei Geliebte hatte. Vermutlich war Astrid Claes' bemüht, die Freundschaft zu dem Mann, den sie als Dichter bewunderte, auf einer geistigen Ebene zu halten. Benns Interesse war dies nicht. Ohne jedes Feingefühl wiederholte er die in Kassel gestellte Frage, ob Astrid Claes lesbisch sei. Daß die Passage in der neuen Ausgabe fehlt, ist vor allem in einer Hinsicht von Belang, denn nun ist die Frage nach der Textgenauigkeit der Edition aufgeworfen.

Mag sein, daß Astrid Claes die Sätze strich, weil sie ihren Verfasser schützen und sich selbst nicht der erneuten Verletzung aussetzen wollte. Auch beinahe ein halbes Jahrhundert nachdem sie gefallen sind, können Benns Worte noch verletzen. Das gilt für beide Frauen, Astrid Claes wie Ursula Ziebarth. Die dritte Betroffene, Benns letzte Ehefrau Ilse, starb 1993. Die 1997 umstrittenen Passagen, in denen Benn die Geliebte Ursula Ziebarth der umworbenen Astrid Claes gegenüber als „intelligent, aber völlig amoralisch“ bezeichnet, sind ungekürzt abgedruckt. „Es gibt ihr gegenüber nur eins, was ich leider erst zu spät bemerkt habe: sie ausschalten und kaltstellen.“, heißt es im selben Brief vom 27. Juli 1955.

Ursula Ziebarth wird nicht gegen den Abdruck vorgehen, obwohl ihre Persönlichkeitsrechte verletzt wurden. Sie ist für eine ungekürzte Edition der Briefe, auch wenn ihr einige Passagen nicht angenehm sind. Auf Wunsch der Betroffenen hat sie jedoch in "Hernach" mehrere für Astrid Claes ungünstige Äußerungen Benns gestrichen und die Auslassungen kenntlich gemacht. Zwei Damen in ihren Siebzigern und Achtzigern, so sagt sie, sollten nicht streiten, nicht einmal, wenn es um Gottfried Benn geht.

Benn war ein begnadeter Briefeschreiber, ein Epistolograph, der auf Rezeptblöcken und fliegenden Zetteln Sätze verewigte, die zum Teil klingen wie über den Hinterhof gerufen: direkt, kraftvoll, zuweilen derb und sehr oft vom Charme der mündlichen Rede getragen. Benns Offenheit, sein freier, ungekünstelter Ton, ein Übermut, der an Albernheit grenzte und diese Grenze unbekümmert überschritt - all dies hat in "Hernach" überwältigt und findet sich in den Briefen an Astrid Claes weitaus seltener. Hier begegnet ein ernster, nicht begeistert liebender, sondern tastend werbender Benn, der ärztlichen Rat erteilt, im Gegenüber zu lesen versteht, vor der allzu intensiven Beschäftigung mit Else Lasker-Schüler warnt und nur einziges Mal in den Kindchen-Ton verfällt und von sich als "Onkel" spricht.

Was er im Jahr 1938 als frisch Vermählter dem Freund Oelze schreibt, daß seine Frau, Herta von Wedemeyer, ihm „eigentlich in keiner Lage“ mißfalle, auch wenn sie nicht wisse, „was eine Amphore ist, ja nicht einmal, ob Napoleon vor Friedrich dem Grossen lebte“, konnte Giselher, der Barbar, wie er in Gedichten der Lasker-Schüler heißt, über Ursula Ziebarth und Astrid Claes sicherlich nicht sagen. Beide haben ihm Widerstand geleistet, jede auf ihre Art. Man sollte die Korrespondenzen des späten Benn zusammen lesen, „Hernach“ und die „Briefe an Astrid Claes 1951 bis 1956“ als einander ergänzende Dokumente betrachten, darüber jedoch nicht vergessen, daß manches, was Benn beiden Damen, allen Frauen verschwieg, womöglich nur Freund Oelze erfuhr.

(Hubert Spiegel in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. April 2002, Seite 52)

Zu: Inseln der Erinnerung (2002):

„Mir ist, als löse der Himmel über dir sich auf in ein Meer von Malven, die auf den Türmen, auf den Bäumen liegen bleiben, was ein Stück Erde selbst zum Himmel macht."

Bäume als Vorbilder. Das Dasein der Straße als lebenswichtig. Kirchen als Oasen des Friedens.

Astrid Gehlhoff-Claes erzählt von den Inseln ihres Lebens, an denen sie noch heute gerne strandet. Denn ein solches Stückchen Festland im Meer der Einsamkeit spendet Trost, gibt Hoffnung. Hoffnungen, die "wie Vögel sind, die das Ankommen kennen: du lebst."

In kurzen Episoden beschreibt die Autorin Stationen der Vergangenheit. Sie erzählt von ihrer Traumstraße, die ihr Kraft gibt. Von Sankt Gereon, wo das Leben die alltägliche Dunkelheit verliert. Und von ihren Lesungen im Gefängnis, deren Inhaftierte versuchen, das Draußen zu bestehen.

Sie führt den Leser ein in ihre Welt. Mit beschwingten Worten. Verständlich, denn die "Poesie" bringt "die Momente" schließlich "zum Leben".

So beschreibt sie Empfindungen, erzählt von Orten und Menschen, die in ihrem Leben einen Sinn machen. Sie nennt die Begegnung mit Gottfried Benn. Der große Dichter. Und sie. In einem Schlosspark, damals, als er noch nichts von ihr weiß, als er herausfindet, dass sie einsam ist. Er gibt ihr Selbstvertrauen, stärkt ihren Mut zum Schreiben.

Die Einsamkeit. Sie schwindet bei Gelhoff-Claes überhaupt nur "auf dem Weg in die Natur". Und so spricht sie passagenlang über Bäume und wie sich deren einzelne Blätter im Takt des Windes bewegen oder wie sie in einem anderen Licht aussehen.

Ebenso hält es die Autorin es mit anderen Pflanzen, zuweilen auch mit Gebäuden. Sie langweilt mit daten-faktischen Einzelheiten einer Kirchturmglocke. Mit überflüssigen, weil wenig fesselnden, geschichtlichen Einzelheiten über ein Schloss.

Die Autorin verliert sich in zunächst interessanten und mitreißenden Beschreibungen. Doch spätestens nach der Erzählung über ihre tief emotionale Bindung zu Zypressen möchte man von Pinien nichts mehr hören.

Ihr Werk gibt zum Erforschen ihrer Psyche Anlass. "Inseln der Erinnerungen", oft als Autobiographie klassifiziert, erscheint an manchen Stellen mehr wie ein Reiseführer, wie ein Sachbuch über Flora und Fauna. Immer wieder bleibt die Autorin unkonkret. Nur ansatzweise erfährt man etwas über den Ursprung ihres Leids, ihrer Einsamkeit. Sie scheint unfähig, ihrem Ärger und der Wut Raum zu geben. Sie verlor Freunde, weil sie immer im Sinne ihres Vaters handelte. Doch: kein Wort davon, wie sich das anfühlt. Sie verliert ihre Tochter an die Schwiegermutter. Und wieder: keine greifbare Äußerung über den Schmerz.

Lediglich das Kapitel "Freundschaft in Paris" offenbart, dass "sie schreit". Doch zu leise, im Ganzen ist dieser Satz nur eine leichte fallende Feder, die man am Ende überhört. Sie bevorzugt mit ihrem Hund zu plaudern, oft weiß sie nicht mal Namen der Menschen, die um sie herum und mit ihr leben. Wohl aber die der Haustiere jedes Einzelnen. Vielleicht hat sie Angst vor Voyeurismus. Die Möglichkeit, der Leser könne als Beobachter ihrer Seele agieren, scheint sie zu behindern.

Und so bleibt es dabei, dass nicht nur Benn - wenn auch nur zu Anfang - nichts von ihr weiß. Auch der Leser ist weitestgehend von ihrem Leben ausgeschlossen.

Bemerkenswert sind ihre Worte, die in Erinnerung bleiben. Vielleicht ist das jedoch die einzige Insel, auf der der Leser strandet: "Ihr wisst nur von meinen leichten Tagen,/ doch die dunkeln habt ihr nicht gezählt."

So erklärt sie sich in ihrem Gedicht "Der Delphin" - und ahnt vielleicht nicht, wie Recht sie hat, liest man ihr Werk. Schöne Wort alleine genügen eben nicht immer

(Nadine Gottschling in: literaturkritik.de, Nr. 6, Juni 2003)

Fünf weitere Pressestimmen zu diesem Buch finden sich auf den Seiten des Grupello Verlags: www.grupello.de/verlag/autoren/autor/Astrid%20Gehlhoff-Claes/session//ident//

Zu: Der lyrische Sprachstil Gottfried Benns (1953/ 2003):

Wo kommen eigentlich Paradigmen her?

Anmerkungen zu Astrid Gehlhoff-Claes' Dissertation „Der lyrische Sprachstil Gottfried Benns“

Wieso erscheint eine Dissertation 50 Jahre nach ihrer Annahme? Diese Frage lässt sich in zweierlei Hinsicht beantworten. Zum einen, weil sie bis heute gültige Ergebnisse liefert, die die Forschung - so die der Publikation zu Grunde gelegte Erwartung - auch noch im Nachhinein nachhaltig befruchten kann. Zum anderen, weil sie wissenschaftsgeschichtliche Relevanz besitzt.

Der Verlag ging wohl von Ersterem aus, zumal es im Klappentext heißt, die Dissertation sei „eine kleine literaturwissenschaftliche Sensation“, die „dabei zu noch heute gültigen Ergebnissen gelangt“. Schon in der der Dissertation vorgeschobenen persönlichen Stellungnahme der Autorin, die in der Art eines imaginierten Briefes an den bereits fast 50 Jahre verstorbenen Dichter Gottfried Benn gerichtet ist, kommen dem unvoreingenommenen und bislang noch geneigten Leser angesichts solcher Euphemismen erste Zweifel. Zu sehr wird Benn als Person und Autor von der Autorin für ihr eigenes Leben vereinnahmt: „Schmerz wird [von Benn] als Privileg, als Mitgift der dichterischen Berufung aufgefaßt. Das war meine Brücke, mein Band; in meinem dunklen Leben damals meine Traumnahrung. Ich schrieb schon selbst Gedichte, und meine lyrischen Motive waren oft Ihren gleich: die Natur - Blumen, Bäume, Vögel -, Schreiben und Einsamkeit.“

Auch die Zielsetzung und das eigene Vorgehen muten wissenschaftlich so gar nicht gegenwärtig an, da die Dissertation den heutigen Standards einfach nicht genügt - etwa wenn davon die Rede ist, dass „das Gesetz der stilistischen Phänomene einer Dichtersprache dadurch zu finden [sei], daß wir die Verknüpfung von Ausdruck und Wesen des Dichters zu erkennen suchen“, weshalb Gehlhoff-Claes vorschlägt, „die Kenntnis der Dichterpsyche gerade als Mittel für eine exakte Deutung der einzelnen Stilmerkmale“ einzusetzen, indem die Prosa, „vor allem de[r] selbstbiographische Roman Doppellebe“" zur maßgeblichen Bezugsgröße erhoben wird - ohne die genauen Maßgaben für dieses doch recht problematische Vorgehen offen zu legen. Nicht nur der biografistisch-psychologistische Zugang zum Œuvre Benns, auch die naive Ineinssetzung von Werk und Dichterleben müsste sich vor der Folie der heutigen Praxis einige Kritik gefallen lassen.

Die textimmanent betriebene Stilforschung, abgelöst von detaillierten Einzelinterpretationen oder systematischen poetologischen Fragestellungen gibt sich, auch wo sie wertend sein will, überwiegend mit der Deskription der Sprachverwendung Benns zufrieden, da es ein Textäußeres nicht zu geben scheint, und nimmt sich - vor allem im Rahmen der Untersuchung Benn'scher Zentralworte - eher aus wie eine kommentierte Wortkonkordanz. Auch kommt die Autorin oftmals zu apodiktischen, für den Leser nicht ganz nachvollziehbaren Deutungen. So wird etwa der Fremd- und Fachwortgebrauch Benns als elitistische Absicht des Autors gedeutet, als ein Sich-Abschließen vor den Lektüren ungebildeter Leser. Der Effekt, den Benns Texte womöglich hatten und der intendierte und bewusste Wille, einen Elitismus zu pflegen, gehen jedoch von zwei verschiedenen Prämissen aus und lassen sich ohne plausible Beweisführung nicht ohne Weiteres gleichsetzen. Eine These also, die sich wahrscheinlich weder aus dem Text, noch durch autobiografisches Material wirklich beweisen ließe und von der Autorin auch nicht belegt wird.

Die Relevanz der Studie für die gegenwärtige Forschung muss vor diesem Hintergrund folglich leider bezweifelt werden. Als erste Dissertation zum lyrischen Werk Benns, die noch zu Lebzeiten des Autors fertiggestellt wurde, besitzt die Arbeit aber tatsächlich eine wissenschaftsgeschichtlich interessante Dimension. Die in der Tradition der stilgeschichtlichen Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg stehende Studie veranschaulicht die literaturwissenschaftliche Arbeitsweise eines textimmanenten Verstehens a la Spitzer, Staiger, Kayser oder Walzel und macht Forschungsinteresse sowie methodisches Vorgehen dieser Zeit anschaulich. Vor diesem Hintergrund ist sie sicherlich ein wichtiges Zeugnis für die Geschichte unseres Fachs. Mitunter ließen sich Traditionsspuren, gerade in der Benn-Forschung, auch für nachfolgende Arbeiten zumindest bis in die späten 80er Jahre nachweisen, die oftmals ein ähnliches methodisches Vorgehen an den Tag legten, dem Paradigma der textimmanenten Methode folgten und sich erst langsam für den Methodenwandel in der Literaturwissenschaft öffneten - ein Indiz dafür, wie lange die Erschließung des Benn'schen Œuvres auf die ihr eigene Tradition rekurrierte.

Warum also eine Veröffentlichung nach 50 Jahren? Der Blick auf die letzte Seite des Buches lässt ferner eine dritte, paratextuelle Antwort auf die eingangs gestellte Frage zu: Die Dissertation als Stilisierungs- und Werbefläche für die eigene 2002 erschienene Autobiografie? Der hier abgedruckte Werbetext - eine Besprechung von Florian Illies in der FAZ - für den hier "ein spätes Selbstportrait der Autorin als junger, aufmüpfiger Dichterin" vorliegt -, sowie der vom Verlag gesetzte Hinweis auf die eigene Homepage, von wo aus eine "Leseprobe" und eine "versandkostenfreie Bestellung" des Werks möglich ist, lässt den Leser eine solche Vermutung zumindest kurz in Erwägung ziehen

(Carolina Kapraun in: literaturkritik.de, Nr. 7, Juli 2006)

Drei weitere Pressestimmen zu diesem Buch finden sich auf den Seiten des Grupello Verlags:

www.grupello.de/verlag/autoren/autor/Astrid%20Gehlhoff-Claes/session//ident//

Vita

  • 1927 in Düsseldorf geboren, lebt sie seitdem hier.
  • Sie arbeitete nach einer kaufmännischen Lehre als kaufmännische Angestellte, anschließend als selbstständige Kauffrau.
  • Seit 1962 veröffentlicht sie Gedichte in Kulturschriften wie „Neues Rheinland“, „Lyrische Hefte“, in Zeitungen, in Anthologien und im Rundfunk.
  • Selbständige Gedichtpublikationen erscheinen seit 1970.
  • Mit Lyrikerinnen wie Rose Ausländer und Marie Luise Kaschnitz war sie befreundet.
  • 1972 erhält sie den Förderpreis der Stadt Düsseldorf.
  • 1976 wird ihr der Förderpreis für Literatur des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen.
  • Käte Reiter sucht nicht die Öffentlichkeit; an ausgesuchten Orten trägt sie Lyrik vor, u. a. in Strafanstalten. Bei der vom Düsseldorfer Literaturbüro initiierten Aktion ‚Litfassliteratur’ ist sie prominent vertreten.
  • Als Autorin des Monats fungiert sie am Literaturtelefon des Literaturbüros im Februar 2004.
  • Am 19. August 2007 findet eine Literarische Matinée anlässlich ihres 80. Geburtstags im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf statt. Die Laudationes halten der Begründer des Düsseldorfer Literaturbüros Rolfrafael Schröer und Michael Serrer, der aktuelle Leiter des Literaturbüros NRW. Es wird das ihr gewidmete „Ehrenwort“ vorgestellt, eine Sammlung von Gedichten: „den samen der steine sammeln“.
  • Käte Reiter starb am 16. April 2013 in Düsseldorf.

Publikationen

  • den samen der steine sammeln. Gedichte. Hrsg. von Michael Serrer. Grafiken: Heinrich Gillis Görtz. Nachwort von Lore Schaumann. Reihe: Ehrenwort; Nr. 4, Düsseldorf: Edition Virgines, 2007
  • Steingravuren - Sprachgravuren. Mappe mit Steingravuren, Steinätzungen von Heinrich Gillis Görtz. Krefeld: Düsselberg Presse, 2002
  • füße im kopf. 100 ausgewählte Gedichte. Mit Fotgrafien von Erika Kiffl. ( = Das andere Buch - Edition Düsseldorf) Düsseldorf: Verlag der Goethe-Buchhandlung, 1989
  • In: Selbstzeugnisse: sechsmal Gedichte. Zusammen mit Hans Peter Keller, Thomas Kling, Horst Landau, John Linthicum, Ulrike Tillich. Hrsg. v. Klaus Ulrich Reinke. Mit Fotos von Hans W. Adam. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1985, S. 85-99
  • ich übe schon lange die zeit. Gedichte. Düsseldorf: Nora Handpresse, 1985
  • meine haut die zeit. Gedichte. Krefeld: Sassafras Verlag, 1981
  • eine linie die wie ein stillstehender tanz brennt. Gedichte. Mit Steingravuren von Heinrich Görtz. Krefeld: Verlag der Galerie am Bismarckplatz, 1977
  • wohin mit dem duft der worte. Gedichte. Düsseldorf, Krefeld: Sassafras-Verlag, 1974
  • Federort. Gedichte. Nachwort von Rolfrafael Schröer. Düsseldorf: Concept-Verlag, 1973
  • Ja und Nein. Mit 3 farbigen Siebdrucken von Gerhard Wind. ( = Hundertdruck, 7), Duisburg: Guido Hildebrandt Verlag 1970

Pressestimmen

Zu: den samen der steine sammeln (2007):

Das Selbst als Raum, in dem die Welt lesbar wird - in entdeckenswerten Gedichten von Käte Reiter

[...] "Ich bin ein Gassenkind", sagt die Düsseldorferin. Ihr Vater war Fabrikarbeiter und starb früh, wodurch sie schon jung in ihrer Familie Verantwortung übernehmen mußte. Sie kümmerte sich, wie man das aus Filmen kennt - der Krieg brachte Not und Bomben - mit Kohlenklau vom fahrenden Zug, Hamsterzügen über Land, Kartoffeln stoppeln. Sie hat darüber in einem Romanmanuskript geschrieben, das nie veröffentlicht wurde. Zur Literatur kam sie nach dem Krieg, als sie bei einer Ärztin putzen ging, um für den Bruder Arznei auszulösen. Die Ärztin förderte das Interesse an der "höheren Literatur" und als wenig später Marie Luise Kaschnitz das erste Mal wieder nach Deutschland kam um zu lesen, machte jemand das schlaue Mädchen Käte mit ihr bekannt. Sie sind Freunde geworden und auch zu Rose Ausländer hatte die Reiter eine freundschaftliche Beziehung (Jahre später entdeckte man in deren Nachlass frühe Gedichte von Käte Reiter, die sie selbst längst verloren glaubte). Dennoch hat die Literatur nie die Hauptrolle in ihrem Leben gespielt. "Sie brauchte keine Zeile schreiben, um zu sein, was sie ist.", formulierte es 1974 Lore Schaumann in einem Aufsatz. Käte Reiter führte im Brotberuf ein größeres Einzelhandelsunternehmen und kümmerte sich kaum ums Publizieren. Arnfried Astel druckte 1962 etwas von ihr in den Lyrischen Heften und fast ein Jahrzehnt später erschien ihr erstes Buch, in denkbar kleiner Auflage, ein Künstlerbuch mit farbigen Siebdrucken von Gerhard Wind.

einer stellt sich auf eine stelle
und schreit
und die kleine stelle wird groß
dann geht er fort

dann stellen sich viele auf die große stelle
die klein war
und schreien
und man sieht die stelle nicht mehr

Käte Reiters Gedichte entstehen ohne große Vor- oder Nacharbeit. In ihnen sind diese Geschenke, die dann auftauchen, wenn wir anscheinend ganz tief in uns versunken sind, dabei aber tatsächlich weit weg, ganz am Ort des Gedichtes, die bei ihr zu Verszeilen werden wie „in meinem wasser / reist ein stein ins runde“. Die Klarheit des Moments übersetzt sich auch in eine Einfachheit des Textes: Stein, Haut, Stern, Auge, Tod und Leben. Und keine Angst vor klischeebehafteten Worten und Themen. Da sie ohnehin nicht für die Kritik schreibt und sowieso nicht für irgend jemanden. „an der schmerzstelle / den schlüssel seele suchen / und nicht verlieren können“, eine Therapie, die funktioniert. Dabei ist es nicht das therapeutische Moment, das Käte Reiter an die Lyrik bindet, sondern die ganz urtümliche Begegnung mit der Vieldeutigkeit und damit der Vielgesichtigkeit. Alles kann aussehen, es muß nicht. Die Welt ist möglich und nicht fest. Man kann nichts halten, „aus schwarzem eis gemeißelt / steht morgen / was wahr wird / ein paar stunden im licht / und schmilzt“.

Die Gedichte sind schlank, es gibt kein Beiwerk, kein Schmuck, kein Pomp, kein Ausufern. Einfache Konstrukte, die es dennoch in sich haben, eine Tiefe nämlich mit großen, geweiteten Räumen. Jürgen P. Wallmann stellte die Reiter neben die Kaschnitz und die Domin. Das ist sicher eine Überbewertung.  Für den Moment aber, in dem sich Käte Reiter mit der Lyrik beschäftigt, stimmt die Intensität. Immer dann, wenn sie sich mal um ihre Sprache, eine sehr direkte, einfache und genaue Sprache, kümmerte, entstanden Gedichte, die zwar äußerlich bisweilen einer Tagebuchlyrik ähneln, inhaltlich aber um genau jenes Maß reflektierter und anwesender sind, welches sie zur guten Literatur macht.

 

 

nachts über die schulter gehängt

und das schaf träumt

 

 

morgens fragt der schlächter

wo ist dein tier

welches tier

 

 

In ihrer Kargheit war die Reiter ähnlich konsequent, wie es heutige Dichter bei der bewußten Staffage sind. Alles, was vom Eigentlichen ihres Gedichtes ablenken könnte, ließ sie fort. Wo andere beginnen nach Bild und Ergänzung, Umschreibung und Ausschmückung zu suchen, verpustet sie das als Rauch und Nebel. „ich gebe den heimatlosen worten / einen ort in mir“ – das sind mitunter Worte, die niemand heute mehr in seinen Texten (wohl aber in seinem Leben) haben will: Sehnsucht, Sterne, Liebe. Bei ihr klingen sie weder peinlich noch verwaschen, das ist selten. Vielleicht liegt es daran, daß Käte Reiter dabei von sich absieht. Sie lässt Gedichte zu. In ihr entsteht Lesbarkeit; Käte Reiter ist der Raum, in dem die Welt durch das Gedicht lesbar wird. Um Sinn und Unsinn dieses Satzes zu verdeutlichen: in der Tagebuchlyrik ist es ja immer genau umgekehrt - dort ist das Gedicht der Raum, in dem der Dichter lesbar werden soll, dort soll das Gedicht zu Diensten sein und dem Dichter über seine Probleme hinweg helfen. Bei Käte Reiter ist es anders herum: sie ist dem Gedicht zu Diensten und hilft ihm über ihr Selbst hinweg.

 

Zu einer Lesung in Neuss (2001):

[...] dennoch ist sie ein Geheimtipp unter Lyrikfreunden geblieben. Ihre Gedichte sind von außergewöhnlicher Konzentration, knapp gehalten und doch reich an sinnlichen, eingängigen Bildern. Käte Reiter wird auch aus ihren Gedichten lesen, die sich im Nachlass der großen Lyrikerin Rose Ausländer fanden und die sie verloren glaubte.[...]

( www.neuss.de/neuss/presse/archiv/2001/09/1520.html)

Zur Autorin:

Stein, Stern und Feder

Souveränität ist etwas Angeborenes. Zu dieser Einsicht kommt, wer Käte Reiters bemerkenswertes Leben anschaut und sich klarmacht, welche Lyrik es hervorgebracht hat.

Ihr Vater war Fabrikarbeiter, sie ist in Flingern aufgewachsen. „Ich bin ein Gassenkind“. Die Wohnung war eng, auf der Straße gab es wilde Spiele mit den Nachbarjungen, Schrammen, Kratzer, aufgeschlagene Knie, aber auch geteilte Butterbrote. Da lernte man kämpfen, sich durchsetzen, mit Kraft oder List, und füreinander einstehen. Die Straße hatte ihre Gesetze und Regeln. Wer sie verletzte, wurde mit Verachtung gestraft. So durfte einer, der am Boden lag, nicht mehr bekämpft werden, und beim Nachlaufspiel sagte das Wort „Herzchen“, daß man erschöpft war und aufgab - Unterwerfungsformeln, ähnlich der Demutsgebärde der Tiere.

Es ist eine ganz eigene Düsseldorfer Subkultur, in die man durch Käte Reiters Erzählen Einblick gewinnt, mit Selbstbewußtsein, kräftiger Sprache und wärmender Nachbarschaftshilfe. „Daß bloß niemand denkt, ich hätte eine schwere Kindheit gehabt! Sonst würde ich wohl nicht so gern davon erzählen.“ Sie hat nichts verdrängt und die innere Beziehung niemals verloren, fällt auch wieder ins Platt, wenn Sie einem der Nachbarn aus der Bruchstraße begegnet. Aber schon als Kind muß sie „anders“ gewesen sein, die Lehrerin meinte, sie sollte eigentlich etwas lernen. Daß der Vater früh starb, bewahrte sie vor der Fabrik, öffnete ihr den Weg in die höchste vorstellbare Welt, das Büro, belud sie aber auch mit der Verantwortung für die Mutter und zwei jüngere Geschwister.

„In der Schule hatten wir zum Schluß nur noch Wehrmachtsberichte gehört.“ Jetzt erlebte sie die schweren Luftangriffe und den Beschuß der Stadt, fuhr mit dem Rad in den Hafen, wo Lebensmitteltransporte für die Bevölkerung freigegeben waren, ging über Land hamstern, sprang auf Züge, um für sich und die wartenden Kameraden Kohlen abzuwerfen. Und immer lebte die Familie in einem Organismus von Freunden und Nachbarn, die zusammenhielten, mit denen man teilte und feierte. Käte Reiter hat sich diese verworrene und spannende Zeit in einem dicken dokumentarischen Romanmanuskript von der Seele geschrieben. Damals schrieb sie Prosa. Es ist nichts davon gedruckt.

Mutter und Geschwister waren heil geblieben, in Derendorf fing das Leben neu an, für Käte Reiter als ein Abenteuer voller Fremdartigkeit. Sie las, was sie nur irgend zu fassen bekam, gründete, selbst keiner Fremdsprache mächtig, mit Freunden eine Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit und organisierte mit Hilfe der Konsulate Ländervorträge - bevor öffentliche Institute die Initiative ergriffen. Durch Trümmerstraßen ging sie ins Schauspielhaus und in die Oper, manchmal Abend für Abend. Dieser Hunger, dieses Glück.

Käte Reiters Leben besteht aus Fügungen, aus Menschen, von denen sie gefunden wurde. Die Ärztin, für die sie putzte, damit der Bruder Arznei bekam, brachte sie auf die „höhere Literatur“. Und als Marie Luise Kaschnitz zum ersten mal wieder kam und las, nahm ein Düsseldorfer Industrieller das scheue Mädchen bei der Hand und sagte: „So, Sie begrüßen jetzt die Dichterin!“ Es wurde eine Lebenslehre und Freundschaft daraus. Wenn die Kaschnitz damals mit ihrem Mann Italien und Griechenland bereiste, fuhr Käte Reiter auf der Karte voraus, machte sich durch Bücher mit der Geschichte und Kultur eines jeden Ortes vertraut und begrüßte die Ankömmlinge mit einem Sonett.

Anfangs war alles schön gereimt und nachgeahmt. Das Vertrauen in die eigene Form und Stimme muß irgendwann zu Beginn der sechziger Jahre gekommen sein. Inzwischen hatte sie ihre ganz persönliche Bildung erworben, Reisen gemacht, Französisch gelernt und Klavier, Wittgenstein gelesen, Musil, Proust, Virginia Woolf zu ihren literarischen Göttern erhoben, den nouveau roman für sich entdeckt. Sie entwickelte ein sicheres Urteil und einen untrüglichen Sinn für das ihr Verwandte. Thomas Bernhard, Peter Handke, Jürgen Becker hat sie von den ersten Veröffentlichungen an gelesen.

Ein Vorbild für Lyrik war das nicht, wohl aber Vorrat für den geistigen Haushalt, in dem sich Käte Reiters Gedichte zubereiten, dem bewußten Zugriff entzogen. Sie fallen vorgeformt über sie her, durch welchen Anlaß ausgelöst und über welche kreative Schwelle bleibt ihr verborgen. Jeder Versuch, an diesem Eruptivmaterial zu „arbeiten“, führt zu seiner Verminderung und damit zur Unverständlichkeit, weil Käte Reiters bewußte Absichten niemals dahin gehen, etwas breiter und deutlicher zu sagen, sondern es auf den Kern zu reduzieren. Geht man bei ihr Änderungen nach, die sie auf Anraten literarischer Freunde vornahm, so ist meistens der erste „geschenkte“ Entwurf der sprach- und aussagestärkste.

Schreiben ist für sie eine lästige Gabe, kein Grund zum Hervortreten oder zur Pflege stolzer Gefühle. Viel mehr reizt es sie, den Kampf mit ihren Zahlen zu bestehen und das große Einzelhandelsunternehmen, in dem sie vor dreiunddreißig Jahren als Lehrling anfing, immer weiter zu rationalisieren. Der gemeinsame Nenner für beide Lebensbereiche ist ihre Geformtheit und Disziplin. Sie entscheidet und handelt aus einer Tiefenschicht, die zu den Gedichten einen anderen Ausgang hat, ihnen magischen Glanz und jene Mehrdeutigkeit verleiht, von der sich der Autor nachher selbst überrascht zeigt. Käte Reiter ist aber durchaus in der Lage, ihre Gedichte zu interpretieren, das bewies sie bei Lesungen mit anschließender Diskussion in Tel Aviv und Jerusalem, wohin das Deutsche Kulturzentrum sie eingeladen hatte.

Sie drängt sich niemals nach Veröffentlichung, der literarische Betrieb mit seinen ideellen Vorwänden und harten Erfolgskalkulationen stößt sie ab. Doch wurde sie auch hier gefunden: Arnfried Astel brachte sie früh in die Lyrischen Hefte, Kay Hoff ins Neue Rheinland und in einen Hundertdruck des von ihm mitgegründeten Guido Hildebrandt Verlags. So kam es, daß Käte Reiter zuerst mit einer bibliophilen Ausgabe hervortrat, die von Schriftstellern normalerweise als dekorativer Schmuck eines Lebenswerks empfunden wird. Aber ihre Lyrik ist ja Lebensessenz, durch gelassenes Warten abgelagert, der Rahmen war ihr angemessen.

Trotzdem ist es gut, daß jetzt endlich durch den Concept Verlag größere Mengen ihrer Gedichte in erschwinglicher Ausgabe zu haben sind. In dem Band „Federort“ werden die Sprachmuster und Motive Käte Reiters ablesbar. Dem Geduldigen erschließt sich aus dem formal geschlossenen, meist knapp gefaßten Text eine hermetische Welt Stück für Stück gelernter Tode. Ein ungebrochener Intuitionsstrom trägt originelle Bilder, zarte und kühne Verknüpfungen. Immer wieder erscheint das Schwere als Stein, das Leichte als Feder, die Hoffnung als Stern. Sie bleiben geheimnisvoll, diese so denkerischen wie poetischen Gedichte. Jürgen P. Wallmann, der Käte Reiter neben Marie Luise Kaschnitz und Hilde Domin stellt, nennt sie „poetische Meditationen, die der Leser selbst meditierend nachvollziehen muß“.

„Wohin mit dem Duft der Worte“ scheint schon im Titel größere Gesprächigkeit anzuzeigen, und tatsächlich mischen sich in dieser vom Sassafras-Verlag vorbereiteten „Fundgrube“ lakonische Denk-Verse mit überraschend märchenhaften längeren Gedichten. Die Wetterhexe wäscht und bügelt ihre Windhosen, das Hexenhäuschen ist ein Erinnerungsstück: Martha Mödl schenkte der jüngeren Reiter-Schwester in ihrer Düsseldorfer Zeit das lebkuchene Urbild zum Nikolaus. Manche dieser Gedichte treffen das Kindliche im Leser, manche geben täglichen Dingen eine Wendung ins Surreale: „ich habe einen kühlschrank, der heimlich spricht“ oder „ich kaufe mir ein paar neue schuhe“ (die am nächsten Morgen schon alt sind, weil man damit auf die Straße muß.) In beschwörenden Liebes- und Partnergedichten werden dem Pfau die Federn gerissen, reifen Steine in den Netzen der Träume. Der Tenor ist auch hier: An die böse Liebe des Lebens und an die liebe Liebe des Sterbens glauben.

Darauf, daß Käte Reiter Dichterin ist, würde niemand kommen, der sie außerhalb eines literarischen Kreises kennenlernt. Sie redet weder vom Tod noch von Steinen und Federn, ist nüchtern, sachlich, vergnügt und meidet auch das Generalthema aller Schriftsteller: „Wann werde ich wo gedruckt?“ Ein Doppelleben? Keineswegs. Sondern es ist dieses eine, klare und schöne, das sie aus ihren Anlagen entwickelt hat - weg von der bunten prallen Folklore ihres Ursprungs in eine sehr anspruchsvolle Eigenwelt. Ein Leben der Verantwortung, Einfühlung und Hilfsbereitschaft. Sie brauchte keine Zeile zu schreiben, um zu sein, was sie ist.

(Lore Schaumann in: Düsseldorf schreibt. 44 Autorenporträts. Düsseldorf: Triltsch Verlag, 1974, S. 165-168)

Nachwort zu: Federort (1973):

Um das, was gesagt wird, verstehen zu können, richtig verstehen zu können, brauchte es eine Schilderung des jeweiligen Hier und Jetzt, ein riesiges Tabellarium über die sagende Person an sich und deren Position in und gegen Zeit und Raum. Jede Aussage ist nur noch von ihrem Ort her zu verstehen.

Aller Aussage voraus gälte es, ihren Ort zu bestimmen, also vorauszusagen. Eine Voraussage ist auch eine Aussage. Also den Ort der Voraussage voraussagen, um die Voraussage der Aussage verstehen zu können, um die Aussage verstehen zu können.

Hier soll nicht Poesie germanistisch interpretiert werden, hier wird der Versuch unternommen zu orten, woher diese Verse sprechen, von welchem Standpunkt aus diese Dichterin das Ihre sagt, so sagt, dass es wesentlich wird und wir hinhören.

Der Ort heißt „Federort“, ist ein Gegenort. Nur ein Windzug, ein Hauch trägt ihn, treibt ihn. Wohin? Ins Zufällige? Der Ort fällt der Stelle zu, „die uns verläßt“. Käte Reiter spricht: „tritt mit mir / auf diese eine stelle / die uns verläßt“.

Ein Ort ist im anderen, hebt sich auf im anderen, wird uns bewußt als Ort dann, wenn er uns fremd ist.

ich öffne die tür
die ich schließe
ich trete ein
ein ort ist ein windzug
der wohnt
ein wort macht sich deutlich
am nächsten
bestimmt bin ich fremd hier

Dieses Gedicht spricht das zutreffend aus. Und es ist mehr als eine Feststellung, es ist die Einsicht, daß es ihr bestimmt ist, an flüchtigen Orten Erkenntnis zu suchen. Der Windzug selbst ist der Ort, der wohnt. Ein Vorübergehender, und sie lädt ihn ein, auf ein Wort, ein Minutengast zu sein, und sie bittet ihn: „iß ein stück mit mir / vom neinbrot / vom jabrot.“

Käte Reiter ist 1927 in Düsseldorf geboren. Als der Vater gestorben war, nahm die dreizehnjährige Volksschülerin Putzstellen an, um ihrer Familie zu helfen. Auch bei einer Ärztin arbeitete sie, die ihr eines Tages einen Band Rilke-Gedichte auf den Kopf schlug, von wegen: „Du hast doch auch Köpfchen, Mädchen.“ Die Zwanzigjährige suchte und fand die Freundschaft zu Marie Luise Kaschnitz, die ihr Antwort gebende und Fragen stellende Freundin geblieben ist. Die über Vierzigjährige lebt noch immer in ihrer Geburtsstadt und arbeitet intensiv, schwer und mitverantwortlich in einem kaufmännischen Betrieb, der Millionenumsätze macht. So etwas sollte der Leser wissen.

Diese Frau, die so spät erst ihre Gedichte herzeigt, ist täglich „vor Ort“, arbeitet wie die meisten von uns, vielleicht etwas mehr als du und ich, und sie ist durch große Verantwortung gebunden. Auch an den Ort ihrer Tätigkeit gebunden. Der „Federort“ ist ihr Wunschort: „übernimm dich / flieg mit dem federort“ heißt es im Titelgedicht. Es ist die ständige Aufforderung, die diese Autorin an sich selbst richtet.

Manchmal philosophieren die Verse entlang den Worten, Worten, die eindringlich bis verzweifelt die Begriffe zu halten suchen, Begriffe von der Angst verdunkelt, der Furcht überschattet: vor lauter Tätigsein und Tun das Denken, das ursächliche Denken zu verlieren. In diesen Gedichten wird nicht beschrieben, keine Erzählung breitet sich aus, nimmt Wohnung; denn „das unbewohnbare wendet / raumlos um uns herum“. Diese Gedichte denken, daher diese stetige Bewegung, dieses unentwegte von – woher – nach – wohin. Selbst das Zuständige oder Zusichwerdende wird bewegt. Im selben Gedicht heißt es: „anstelle der träume / verfinstert sich etwas / in die hoffnung.“

Alle Wege dieser Dichtung laufen im Schatten, führen vom gemäßigt Hellen ins Dunkle, Dunklere bis: „wenn du für mich / in den abgrund meines todes gehst“, und wenn die Verzweiflung über das täglich erfahrene, ärmliche, nur erfolgprogrammierte, das Menschsein im Menschen auslaugende Da- und Sosein überhandnimmt, wird der Vers zur Aufforderung, wehren sich die Worte, die Worte als die letzte Instanz unseres Bewußtseins, und es heißt: „iß ein stück mit mir“ oder „trink mit mir“, „erzähl mir“.

Und darin ist mit enthalten die Anrede, das Verlangen nach dem Gegenüber. Anlaß ist, wie meist, Einsamkeit. Aber in diesem Falle die Einsamkeit dessen, der tätig die Welt besteht, der in ihr zurechtkommt, mit ihr fertig wird, klaglos und der darum ein grundsätzlicheres Gespräch sucht. Das Gespräch über den Sinn des Lebens und damit über den Sinn des Todes. Die Enge dieser Dichtung ist zugleich ihre Stärke.

Der mächtigen Kraft des Todes, die heute vielerorts geleugnet wird, die ganze Lebenserwartungsindustrien verdrängen, die durch Krankenhäuser anonymisiert wird, dieser Kraft gilt ihre Ansprache, Anrede, und so trägt sie ein uraltes Wissen weiter: „und ich hätte nicht alle die alter / die ich dem tode austrage und nicht / eine weisheit davon.“ Diese Weisheit, die nicht nur wert ist, bewahrt und weitergegeben zu werden, sondern die wichtig und nach wie vor von zentraler Bedeutung für das Selbstverständnis des Menschen ist.

Die Poetin Käte Reiter gewinnt aus diesem Wissen für sich die Freiheit und den Mut zu ihrem „Federort“. Und ich zitiere zum Schluß meiner Verstehensübung dieses nachdenkenswerte Gedicht von ihrer Freiheit, in dem sie das Bewußtsein, daß der Tod allgegenwärtig ist, als Lebensansporn begreift.

ich habe die Freiheit
in meinem tod zu wohnen

mein leben
ist mein gefängnis

in meinem gefängnis
habe ich alle lebenden tode
die mich suchen

(Ralfrafael Schröer. Nachwort zu Käte Reiter: Federort. Gedichte. Düsseldorf 1973, S. S. 75- 77)

Vita

  • 1920 als Marie Eleonore Schaumann in Siegen geboren, dort aufgewachsen, ebenso in Wüstenrot, Heilbronn, Stuttgart und Korntal. Das Abitur legte sie in Siegen ab.
  • Von 1940 bis 1944 Gesang-Studium an der Wiener Musikakademie und Gasthörerin an der Universität Wien für die Fächer Deutsche Literatur, Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft.
  • Ab 1945 folgten sieben Jahre Landleben.
  • Von 1953 bis 1955 schloss sich ein Aufenthalt in London an, sie erwarb ein Certificate of Proficiency.
  • Von 1956 bis 1958 absolvierte sie eine Bibliothekarsausbildung in Köln mit dem Abschluss Diplom. Seit 1958 lebte sie in Düsseldorf.
  • 1959 bis 1965 Tätigkeit in der Hildener Stadtbibliothek; parallel dazu widmete sie sich verstärkt dem Schreiben.
  • Ab 1965 arbeitete sie als frei Journalistin, indem sie Beiträge in den Bereichen Literaturkritik, Theaterkritik und städtischer Kulturbetrieb für das Feuilleton von Zeitungen, Magazinen, Radio und Fernsehsendern schrieb. Außerdem verfasste sie Übersetzungen aus dem Englischen/Amerikanischen für Filme und für internationale TV-Kurzfilme.
  • Lore Schaumann war zusammen mit der Düsseldorfer Lyrikerin Käte Reiter mit Rose Ausländer befreundet, die bei ihr phasenweise wohnte und in der Schaumann/Reiter-Wohnung private Lesungen abhielt. Lore Schaumann setzte sich publizistisch nachhaltig für Rose Ausländers Lyrik ein (s. die hier aufgeführte Artikel-Liste). Nachdem sie 1981 Rose Ausländer in einem RP-Artikel zum 80. Geburtstag gratulierte, kam es zum Bruch der Freundschaft, da Rose Ausländer die Angabe ihres wahres Alters nicht akzeptierte (sie machte sich stets 6 Jahre jünger).
  • 12 Jahre lang beobachtet Lore Schaumann im Auftrag von WDR-Intendant Klaus von Bismarck das Programm des WDR. Seit der Bildung des Düsseldorfer Kunstbeirats gehörte sie ihm an.
  • Von 1980 bis 1988 leitete sie in Düsseldorf zusammen mit Rolfrafael Schröer das erste Literaturbüro der Bundesrepublik. Sie war eine gewandte und unermüdliche Literatur-Kommunikatorin und entwickelte neue Literatur-Verbreitungsstrategien.
  • Sie war Mitglied in der GEDOK.
  • Im Februar 2004 erhielt Lore Schaumann zusammen mit Rolfrafael Schröer für ihre Verdienste um die Literaturförderung die Trude-Droste-Gabe der Stadt Düsseldorf.
  • Im April 2010 fand zu ihrem 90. Geburtstag eine Matinee im Heinrich-Heine-Institut statt. Der Band Ehrenwort Nr.6 wurde vorgestellt, der wichtige ihrer Autoren und Autorinnen-Porträts aus den 70er und 80-er Jahren enthält.
  • Am 5. September 2012 starb Lore Schaumann nach schwerer Krankheit in Düsseldorf.

Publikationen

Sachbuch

  • Autorenporträts. Hrsg. von Michael Serrer. Reihe: Ehrenwort Nr. 6. Düsseldorf: Edition Virgines, 2010 [Nachdruck einiger ihrer Autorenporträts von 1975 und 1981]
  • Düsseldorf schreibt – 22 Autorenporträts. Düsseldorf: Triltsch Verlag, 1981
  • Valderrobres. Bericht über ein spanisches Dorf; mit sechzig Fotografien. Düsseldorf, Krefeld: Sassafras-Verlag, 1975
  • Düsseldorf schreibt – 44 Autorenporträts. Düsseldorf: Triltsch Verlag, 1974

Beiträge in Sachbüchern, Anthologien, Zeitungen, Zeitschriften (Auswahl)

  • Nachwort zu: Käte Reiter: den samen der steine sammeln. Gedichte. Hrsg. von Michael Serrer. Reihe: Ehrenwort Nr. 4. Düsseldorf: XIM Virgines, 2007, S. 91-96
  • Besuch bei Rose Ausländer. In: Rose Ausländer. Materialien zu Leben und Werk. Hrsg. von Helmut Braun. Frankfurt/M. 1991, S. 84-86 (Nachdruck des Beitrag in „Der Wegweiser“, 1977, am Ende der Seite abgedruckt)
  • Bewegte Zeichen – Hochzeit der Künste: Herbert Seggelke. In: Filmland Nordrhein-Westfalen: Programm und Information. Hg. Filminstitut der Landeshauptstadt Düsseldorf in Zusammenarbeit mit dem Filmreferat des nordrhein-westfälischen Kulturministeriums Düsseldorf. Redaktion: Klaus Dieter Schneider. Düsseldorf: 1984, S. 64-67
  • Kein Platz fürs Provinzielle in der Provinz. Arnsbergs deutscher und internationaler Kurzgeschichtenpreis. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel; 39, 1983, S. 1128
  • Großfamilie der Berufsfrauen. Bei den Düsseldorfer Soroptimisten dominiert das Künstlerisch-Kreative. In: Düsseldorfer Hefte, 28. Jg., 1983, H. 12, S. 4-5
  • Tage mit Käutner – zwei Reisen nach Düsseldorf. In: Düsseldorf kinematographisch: Beiträge zu einer Filmgeschichte. Hrsg. vom Filminstitut der Landeshauptstadt Düsseldorf. Redaktion Ute Wiegand. Düsseldorf: Triltsch Verlag, 1982, 173-178
  • Ihr Geist hat Flügel. Rose Ausländer zum 80. Geburtstag. In: Rheinische Post, 9.05.1981
  • Ein Tag im Literaturbüro (1980). In: Literaturbetrieb in der Bundesrepublik Deutschland. Ein kritisches Handbuch, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. 2. Aufl. München 1981, S: 157-160 (Nachdruck dieses Beitrags in: 20 Jahre Literaturbüro NRW in Düsseldorf. Festschrift. Düsseldorf: XIM Virgines, 2000, S. 13-17)
  • Bildnis HS. In: Dokumentation Düsseldorfer Autoren; Nr. 37: Lore Schaumann. Hrsg. von den Stadtbüchereien Düsseldorf. Düsseldorf: 1981 (o. S.)
  • Hilde Domin. In: Neue Literatur der Frauen, hrsg. von Heinz Puknus. München: Beck, 1980, S. 29-32
  • Hinter dem Rücken des Todes. Erich Fried las seine Gedichte im Heine-Haus. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 15./16.5.1980
  • Düsseldorf. In: Rhein, Ruhr und Räder. Bilder und Essays aus Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf, Münster: Westdeutsche Landesbank, 1979, S. 21-24
  • Jenseits von Glück und Unglück. Ernst Meister starb. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 18.06.1979
  • Nach dem Väterschlachten. Drittes Düsseldorfer Literaturgespräch. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 10.12.1979
  • Andere Zeiten, andere Vögel! [zu Sebastian Haffner] In: Rheinische Post, Düsseldorf, 15.12.1978
  • Ein Riemenschneider, der spielt und singt. In: Düsseldorfer Hefte. 22. Jg., 1977, H. 13, S. 6-7
  • Tennessee-Williams-Premiere in Düsseldorf: Gefühlvolle Misstöne. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 17.02.1979
  • Ehrliche Makler in der Bismarckstraße. 10 Jahre Bibliothek im Haus des Deutschen Ostens. In: Düsseldorfer Hefte, 22. Jg., 1977, H.1, S.5-6
  • Besuch bei Rose Ausländer. In: Der Wegweiser, Düsseldorf, 8/1977
  • Sanfte Gewalt der Lyrik. [zu Rose Ausländer]. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 11.05.1977
  • Ein Forum für Rose Ausländer. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 27.06.1977
  • Im Dienst der Sprache legenslang [zu Rose Ausländer]. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 4.05.1977
  • Windzeit tropft aufs Papier [zu Rose Ausländer]. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 20.09.1975
  • Durch Sprache überleben [zu Rose Ausländer]. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 25.04.1975
  • Ein Kampf ums Leben: Selbstbildnis Béatrice S. (ARD). In: Düsseldorfer Nachrichten, 21.03.1974
  • Zwischen Schichtarbeit und Schützenfest. In: Heimatkalender des Kreises Heinsberg, Jg. 1, 1973, S. 109
  • Meine grüne Flamme [zu Rose Ausländer]. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 25.03.1973
  • In den Wohnwaben läuft der Horrorfilm an. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 15.05.1971
  • Düsseldorfer Stimmen im Bonner Literaturvolksfest. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 13.03.1970
  • Den Gott des Theaters in der Tasche. Gespräch mit Erich Fried. Seine „Bacchantinnen“ eröffnen die kleine Bühne im neuen Schauspielhaus. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 17.12.1969
  • Ein Preuße am Rhein [zu Udo Klausa, 1. Landesdirektor des LVR]. In: Neues Rheinland, Jg. 13, Oktober 1970, S. 19
  • Staub oder Stimme [zu Rose Ausländer]. In: Rheinische Post, Düsseldorf, 18.03.1967
  • Stille und Muse. Ein besprechendes Auswahlverzeichnis für Leser. Köln: Bibliothekar-Lehrinstitut des Landes NRW. Hausarbeit, 1958

Pressestimmen

Nachruf: Das Leben der Literatur gewidmet

Lore Schaumann hatte Gesang studiert und Philosophie, in Wien und in Cambridge; aber dann widmete sie ihr Leben der Literatur. Zuerst arbeitete die vor 92 Jahren in Siegen geborene Lore Schaumann als Bibliothekarin, dann als freie Kritikerin – für das ZDF, auch für die „Rheinische Post“. Ihre Porträts von Autoren wie Dieter Forte, Rose Ausländer, Kay und Lore Lorentz, Käte Reiter oder Niklas Stiller stammen aus den 70er und 80 Jahren und sind bis heute lesenswert geblieben: prägnant, anschaulich, kenntnisreich, unbestechlich.

Nicht nur die Redakteure und die Leser schätzten sie sehr, auch die Autoren, denn sie war eine engagierte Begleiterin vieler Schriftstellertalente. Rolfrafael Schröer holte sie deshalb als Kollegin in das von ihm gegründete Literaturbüro NRW; in den folgenden sechs Jahren bis zu ihrem krankheitsbedingten Ausscheiden war sie vielen Ratsuchenden, die sich von ihr literarisch erkannt wussten, eine kaum zu überschätzende Hilfe.

Menschen, die sie in den vergangenen 15 Jahren begleiteten, berichteten immer wieder über die Freude, diese große Fördererin der rheinischen Literatur in ihrer Wohnung in der Zietenstraße zu besuchen, und gingen nie fort, ohne klüger geworden zu sein. Vor acht Jahren wurde Lore Schaumann für ihre Verdienste schließlich mit der Trude-Droste-Gabe geehrt.

Es sind diese und viele weitere Gründe, weshalb Lore Schaumann in der Düsseldorfer Kultur - und vor allem in der Literaturszene unvergessen bleiben wird.

(Michael Serrer in: nachrichten.rp-online.de/regional, 7.09.2012)

Matinee zu Ehren von Lore Schaumann

Lore Schaumann, als Journalistin eine Muttergestalt der Düsseldorfer Literaturszene, ist am 3. April 90 Jahre alt geworden. Geistige Adoptivkinder, Zeitgenossen, Mitstreiter, Kollegen, Schüler, Germanisten, Dichter, ihr früherer Feuilletonchef und viele mehr, die in Jahrzehnten die runde Frau, die spitze Nase, den scharfen Verstand, das tiefe Mitgefühl, die Sachlichkeit, den poetischen Stil des Schreibens nicht nur respektieren, sondern auch lieben und bewundern gelernt haben, trafen sich nun im Heine-Institut zur Geburtstagsfeier – leider in Abwesenheit der gebrechlichen Geehrten. Ein Blumenstrauß wird ihr von der Lyrikerin Käte Reiter überbracht, ein Video wird ihr zeigen, wer alles da war und sie lobte.

Dass Journalismus nicht nur das Werk von Eintagsfliegen fürs Tagblatt ist, sondern bei Kulturgeschichte und deren Fortwirkung auf Dauer mitstrickt, ja fördernd wirkt – den Sinn für diese merkwürdige Kontinuität hat Düsseldorf auch Lore Schaumann zu danken. Die Rheinische Post dankt ebenso gern. Geduld und Sensibilität strahlen aus ihren Artikeln bis heute. Als es damals weder Fax noch E-Mail gab, überbrachte sie der Redaktion persönlich – wie alle Mitarbeiter damals – ihre mit Schreibmaschine getippten und mit handschriftlichen Korrekturen geschmückten Papiere. Man traf sich in den Büros.

Lore Schaumann durfte an die Seelen ihrer Freundinnen und Freunde tasten. „Düsseldorf schreibt“ Unter diesem Titel hat sie beim Triltsch Verlag 1974 zunächst 44 Porträts Düsseldorfer Autorinnen und Autoren veröffentlicht und 1981 weitere 22. Von den 66 Exponenten damals sind viele tot, aber beileibe nicht alle. Die meisten sind gar nicht in Düsseldorf geboren. Die Stadt übte magnetische Wirkung auf kulturelle Einwanderer aus. Schaumann hat dies früh begleitet und gefördert.

Die Gäste bei der Matinee im Heine-Institut sind gerührt. Zum Beispiel liest Kay Lorentz vom „Kom(m)ödchen“ das Porträt seiner Eltern vor. „Warum dieser in der Fremde so hoch geachtete Sohn der Stadt von ihr selbst so konsequent vernachlässigt wird“ – die Frage, die Lore Schaumann 1977 stellte, war nicht auf Heinrich Heine gemünzt, sondern bezog sich auf Dieter Forte. Wie sie irrte und wie sie Recht behielt, dass ist eine der spannenden Fragen zum 90. Geburtstag.

(Werner Schwerter in: Rheinische Post, 13.04.2010)

Schreiben, handeln mit Hirn und klarem Witz: Freundin der Autoren: Lore Schaumann wird 80

„Was, 80 werden Sie? Das sieht man Ihnen aber nicht an.“ Solche Floskeln verbieten sich bei Lore Schaumann. Sie ist bekennende, aber keineswegs kokettierende Achtzigerin. Wie kann das anders sein bei einer Frau, die mit einer Krankheit geschlagen ist, bei der das tägliche kleine Elend den großen Weltschmerz mühelos verdrängt. Da ist es kein Trost, dass es eine Krankheit von Berühmten in aller Welt ist. Soviel und nicht mehr davon.

Zu feiern ist eine Frau, die schreibend die Fürsprecherin, nein die Fürschreiberin vieler Schriftsteller-Talente in Düsseldorf gewesen ist, zunächst als Literatur und Theaterkritikerin der Rheinischen Post, dann als Mitbegründerin und verlässliche Partnerin Rolfrafael Schröers im Düsseldorfer Literaturbüro, inzwischen Literaturbüro NRW. Versteht sich, dass es – wie der Schriftstellerverband und das Heine-Institut – Mitveranstalter einer Geburtstagsfeier am 2. April ab 11 Uhr im Heinrich-Heine-Institut ist.

Lore Schaumann hat übrigens am 3. April Geburtstag. Abergläubisch ist sie also nicht; sonst hätte sie die Gratulationscour einen Tag vorher nicht zugelassen. Da passt auch gleich eine Erinnerung aus dem RP-Haus ins Bild, ehe die eigentliche Würdigung ihres Wirkens folgt: Lore Schaumann bekam von der Feuilletonredaktion den Auftrag, über einen Vortrag Erich von Dänikens zu berichten.

Kritisches Wohlwollen

Der hat uns, das muss man jüngeren Lesern erklären, in den siebziger Jahren die Existenz von außerirdischen Wesen und deren Landungen aus dem Weltall, etwa auf dem südamerikanischen Kontinent, beweisen wollen. Für Lore Schaumann war das nicht etwa eine Lachnummer, sondern die Aufgabe, ernsthaft, aber mit Ironie gepaart, über Dänikens Ausführungen zu berichten. Körbeweise mussten wütende Leserbriefe auf die Redaktionstische gekippt werden.

Geboren 1920 in der Rubens-Stadt Siegen im südlichen Westfalen, war sie früh allem Schönen mit jener Ernsthaftigkeit zugeneigt, die ihr hin und wieder das Verständnis für spielerische Dekadenz, wie wir sie im Theater der siebziger Jahre und auch heute noch bejubeln, schwer machten.

Schwere Treppen nie gescheut

Aber genau dieser Ernst, diese ungeheuchelte Aufmerksamkeit, ein Wohlwollen, das nie unkritisch war, machte sie zum Wegweiser, zur verlässlichen Begleiterin junger und auch nicht mehr ganz junger Autorinnen oder Autoren; ihnen sind die Gespräche im Literaturbüro damals an der Bilker Straße, nach Erklettern einer furchterregend knarrenden Treppe, für immer unvergessen. Zweimal veröffentlichte sie unter dem Titel „Düsseldorf schreibt“ Autorenporträts in Buchform, einmal stellte sie 44, danach 22 vor; 22 nur aus Platznot, nicht wegen Mangels an Talenten.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. So ist es nur einleuchtend, dass Alla Pfeffer, seit vorigem Herbst an der Spitze des Bezirksverbandes Düsseldorf/Neuss im Verband deutscher Schriftsteller (VS), zur Geburtstagsfeier für Lore Schaumann den Nachwuchs lesen lässt: Pamela Granderath, Peter Philipp, Regina Ray. Auch Otto Vohwinkel liest und Jens Prüss, einst selbst leitender Literaturbürokrat, liest einen Text von Lore Schaumann. Das Schönste aber: Lore Schaumann will kommen, und wir Geburtstagsgäste werden noch eine neue musische Seite von ihr entdecken können, die der ausgebildeten Liedsängerin mit einer Einspielung von Brahms-Liedern.

(Gerda Kaltwasser: In: Rheinische Post. Düsseldorfer Feuilleton, 30.03.2000)

Eine neutrale Instanz für Selbstverleger: Literaturbüro Düsseldorf

Sie wollen weder „literarische Übereltern des Landes“ noch Beamte sein und nennen sich ironisch distanziert „Literaturbürokraten". Seit nunmehr drei Jahren leiten die Kulturjournalistin Lore Schaumann und der Lyriker Rolfrafael Schröer eine Einrichtung, die zum vielgelobten Modell wurde: das erste Literaturbüro der Bundesrepublik, zunächst nur als Projekt für die Stadt Düsseldorf konzipiert, seit einem Jahr von einem Verein getragen und für ganz Nordrhein Westfalen zuständig. Ob das erfolgreiche Modell ohne Abstriche auf das Land zu erweitern ist, ist jedoch noch immer zweifelhaft „Was wir für Dusseldorf gemacht haben, kann man in der bisherigen Form nicht aufs ganze Land übertragen", glauben die beiden engagierten Literaturbürokraten.

Landesweit kaum zu realisieren sind etwa die engen Kontakte zu öffentlichen Institutionen, durch die mittlerweile einige hundert Autorenlesungen ermöglicht wurden. Allein in den beiden ersten Jahren seines Bestehens vermittelte das von Stadt und Land unterstützte Büro mehr als 400 Lesungen, in Schulen wie in Museen, in Behinderteneinrichtungen und Betrieben, in Kneipen und in der Psychiatrie, wo auch das gelang: über die Auseinandersetzung mit Literatur einige der sonst Sprachlosen zum Sprechen zu bringen.

„Eine therapeutische Situation" erleben die beiden Literaturvermittler nicht selten auch in ihrem Büro am Rand der Düsseldorfer Altstadt „Sehr oft kommen Besucher und sagen uns: Sie sind der erste, der mir zuhört Doch auch aggressivere Szenen entstehen, denn: „Wir haben die Eitelkeit der Leute unterschätzt", bekennen Lore Schaumann und Rolfrafael Schröer und beobachten bei nicht wenigen Schreibern „einen völligen Mangel an Selbstkritik Und je mäßiger die Sachen geschrieben sind, desto wütender halten die Leute daran fest".

Entsprechend häufig müssen Illusionen geraubt werden. Zum Beispiel dann, wenn Besucher im Verlauf des Gesprächs stolz ein Buch aus der Tasche hervorziehen, das sie in einem sogenannten Selbstkostenverlag veröffentlichten - gegen erhebliche Kostenbeteiligung. 10 000 Mark zahlte etwa ein Pensionär, um seine Gedichte schließlich in einem schmalen und schlecht gedruckten Bändchen verewigt zu sehen: „Ich möchte doch, daß etwas von mir bleibt. Daß sein Werk kaum Ewigkeitswert erlangen und außer bei Verwandten und Bekannten wenig Abnehmer finden wird, scheint ihn und viele andere von kostspieligen Investitionen nicht abzuhalten: Immerhin kommt etwa jeder vierte Ratsuchende mit einem selbstbezahlten Buch ins Literaturbüro. Dort versucht man dann, ihm auszureden, daß seine lyrischen Ergüsse Literatur sind - „wobei wir ja irren können". Und über Umwege ist manchmal doch noch eine Entdeckung zu machen. So erwies sich der Pensionär, der so gern Lyriker sein wollte, als spannender Erzähler.

Für die zeitaufwendige Entdeckung und Förderung von Talenten bleibt dem Literaturbüro jedoch immer weniger Raum. Auf Wunsch des Kultusministeriums soll es hier kein Vorlektorat mehr geben, die Lektoratsarbeit möglichst wegfallen. Doch gerade in diesem Bereich hegt die besondere Aufgabe des Büros für neue Autoren „Wir werden von ihnen als neutrale Instanz angesehen, weil wir weder als Volkshochschule noch als Literaturwerkstatt auftreten. Sie sitzen hier als Einzelperson und werden als solche ernstgenommen“. Und anders als bei vielen Verlagen werden die Texte auch nicht gleich mit Blick auf eventuelle Marktchancen gelesen „Wir wehren uns gegen jede Art von Trendsetterei“

Hunderte von Manuskripten haben Lore Schaumann und Rolfrafael Schröer in den letzten drei Jahren gelesen und später mit den Autoren besprochen. Weil sie die Manuskript Flut nicht mehr bewältigen konnten, haben sie ihre Sprechtage jetzt neu strukturiert. Der Autor liest aus seinem Text vor, gleich anschließend wird darüber diskutiert.

Die Sicherung von literarischen Nachlässen gehört ebenso wie die Herstellung von Kontakten zu Verlagen und Sendeanstalten oder die Vorstellung von Autoren im Literaturtelefon zu den Aufgaben des Literaturbüros. Es setzt sich zwar als Verein für die Interessen von Autoren ein, aber will doch kein Interessenverband für Schriftsteller oder eine Alternative zu bestehenden Verbänden sein. Ihre erfolgreiche Vermittlungsarbeit für die Düsseldorfer Autoren müssen die beiden Vereinsangestellten nun allerdings einschränken: „Wir müssen versuchen, überall im Land ein Bein zwischen die Tür zu kriegen und eine Situation zu schaffen, die sich der in Düsseldorf angleicht Eines ist schon jetzt sicher: „Wir wollen auch in Zukunft nicht nur Informationsstelle sein.“

                                                     (Raimund Hoghe in: Die Zeit, 27.05.1983)

Die Freundin der Autoren (1975)

[…] Im Eckzimmer der Erdgeschoßwohnung sitzen wir uns gegenüber und haben vertauschte Rollen vereinbart. Von Januar 1973 bis Januar 1975 hat Lore Schaumann - in alphabetischer Reihenfolge - die in Düsseldorf ansässigen Autoren befragt -: von Ausländer bis Zeller. Zum erstenmal überhaupt hat sie in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt eine gewachsene literarische Szene dingfest gemacht; in mühseliger, zäh ausdauernder Kleinarbeit den Beweis erbracht, daß es in Düsseldorf ein fein- und vielschichtig verästeltes Literatur-Klima gibt. Wirkungsvoll vom Kulturausschuß der Stadt unterstützt; vorabgedruckt in den »Düsseldorfer Heften« (sie wurden dadurch zum eindrucksvollen Podium der Literaten in Düsseldorf), gesammelt dann als Buch, »Düsseldorf schreibt - 44 Autoren-Portraits«, erschienen - wiederum mit Unterstützung des Kulturausschusses der Stadt - im Michael Triltsch Verlag zur ersten großen Selbstdarstellung der Düsseldorfer Literatur-Szene beim „Literaturmarkt“ in der Kunsthalle am 14. Dezember 1974. Unterfangen allesamt, für die es keine Parallele gibt!

Diesmal nun soll uns Andy Warhols Muster Beispiel sein. Plötzlich bei einem Interview zauberte er seinerseits ein Mikrophon hervor und hielt es nun denjenigen Interviewern unter die Nase, die ihn fesselten, um jetzt sie zu befragen. Beispielsweise Truman Capote. So entstand die Warhol-Veröffentlichung „Sonntage mit Mister C.“.

Lore Schaumann, die zwei Jahre lang unermüdlich der Literatur in Düsseldorf eine jetzt im allgemeinen Bewußtsein fest verankerte Existenz überhaupt erst schuf - wer ist das?

Zuerst einmal: Katalysator! „Zu vermitteln ist mir die wichtigste Aufgabe.“ Schräg gegenüber in der Zimmerecke lächelt ein veritabler, südamerikanischer, weiblicher Schrumpfkopf mir ein entrücktes Lächeln entgegen. Lore Schaumann gruselt sich davor. „Eine Frau ist eine Frau“ hieß der zweite Film von Jean Luc Godard. Lore Schaumann will mit allem Nachdruck eine Frau sein, diese Chance verwirklichen.

Der Schrumpfkopf gehört Käte Reiter, ihrer Wohnungspartnerin: „Als alleinstehende Frau ist man nicht gesellschaftsfähig!“ In Lore Schaumanns Arbeitszimmer fasziniert alle Besucher u. a. die exotisch verbrämte Bücherwand. Auch das Team vom Westdeutschen Fernsehen: das aus einer Zeitschrift ausgeschnittene Foto von Marie-Luise Kaschnitz, als sie eine junge, schöne Frau mit schwer zu vergessenden Augen war. Das Bild von Albert Camus, der den „Mythos von Sysiphos“ als Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit menschlicher Existenz interpretierte. Das Zimmer ist zum Bersten voll von der Atmosphäre geistiger Auseinandersetzung.

Was Lore Schaumann prinzipiell zuerst interessiert, was sie immer zuerst interessiert hat, ist: inmitten allem und hinter allem der Mensch; das Persönliche, das Private, die Umstände, die ihn so gemacht haben, wie man ihn nun erfährt. Dabei ist ihr Diskretion ehernes Gesetz! Niemals würde sie die Distanz des guten Geschmacks überschreiten. Das hat bei der Folge ihrer Autoren-Porträts immer wieder dazu geführt, daß der jeweilige Mensch, dem sie begegnete, seine eigentlich nur anonym-statistisch existierende Figur als Schreibender überlagert hat. Was für den Leser wiederum den Vorteil mit sich bringt, daß er in Lore Schaumanns Porträts einem wirklich prall mit Leben gefüllten, ganz unverwechselbaren Menschen begegnet. Nicht bloß einem ebenso gut mit dem Computer erfaßbaren Schemen. „Wenn man Menschen porträtiert, urteilt man nicht mehr kategorisch“, sagt sie. 

Während mir weiter der Schrumpfkopf jenseitig mild zulächelt, fällt mir auf, daß Lore Schaumann allerdings nur so überfließt vor lauter druckreifen Feststellungen, die wirken wie Steno-Kürzel, langer, langsam und immer wieder neu gemachter Erfahrungen. Beispielsweise: „Ich bin ja verzweifelt ehrlich – das hängt mit meiner protestantischen Erziehung zusammen!“ Und wenn ich bei solchen Äußerungen die lange Reihe von Autoren-Porträts in meinem Hinterkopf Revue passieren lasse, sticht dabei besonders gravierend und durchgehend die Tatsache hervor, dass „Futterneid“ offenbar ein Zustand ist, der in Lore Schaumanns Bewußtsein oder Unterbewußtsein rundherum überhaupt nicht existiert. Jener Neid, der den Menschen etwas Unmenschliches aufsetzt, und der auf dem einen Gebiet als Wettbewerb oder als Konkurrenz ausgegeben wird, und der doch im Grunde nichts weiter im Sinn hat, als sie selbst zu erhöhen, indem man die möglichen Verdienste des anderen schmälert. Das jedenfalls kennt Lore Schaumann nicht. Sonst wüßte man beispielsweise längst allerorten, daß ihr nächstes Buch noch in diesem Jahr erscheinen wird. Im Sassafras-Verlag von Klaus Ulrich Düsselberg und mit dem Thema, das Lokalkolorit jenes weitab liegenden spanischen Dorfs festzumachen, in dem Käte Reiter ein Ferienhaus hat. Und genauso fest eingeplant ist ein Bericht darüber, was aus den Amerika-Auswanderern ihrer siegerländischen Heimat – damals zur Zeit der Depression am Ende der zwanziger Jahre – eigentlich geworden ist. Und weitere Buch-Pläne gibt es außerdem noch. Lore Schaumann ist nicht nur die (Er)Finderin der literarischen Szene Düsseldorf. Sie ist zugleich ihr integrierter Bestandteil.

Immer wieder haben irgendwelche Leute sie gefragt, ob sie ihre musikalische Ausbildung als Sängerin denn einfach so vergessen könne. Aber Lore Schaumann hat sie ja nicht entfernt vergessen. Alle Lieder, die sie kennt und die sie einmal gesungen hat, sind als unveräußerlicher Besitz ständig und immerzu in ihr anwesend. Solcher Besitz vermittelt ihr ein Bewußtsein: „Es ist, als ob man flöge.“ Wenn das nicht pure Poesie ist - Poesie als Form der Existenz - dann weiß ich nicht, was Poesie überhaupt sein könnte.

Zur Literatur kam Lore Schaumann wie im Buch. Als Kind nämlich stöberte sie in Großvaters altem, staubigen Schrank auf dem Dachboden und fand „Onkel Toms Hütte“. Sie „verschlang“ es atemberaubt. Und der Kreis dieser ersten Begegnung mit Literatur und mit diesem speziellen Problemkreis solchen Inhalts schloß sich 38 Jahre später wieder bei einem Besuch ihrer beiden mittlerweile amerikanische Staatsbürger gewordenen Geschwister in den USA. Das war 1966, und die Rassenunruhen hatten ihre Höhepunkte. Die Besucherin aus der fernen Bundesrepublik wurde ganz hautnah darin verstrickt. Noch während der Rückreise an Deck des Schiffes las sie pausenlos alles, was mit der US-amerikanischen Rassenfrage zu tun hatte. Auch in den Filmen, die sie für Eva Hoffmanns ZDF-Redaktion „Der internationale Kurzfilm“ fortlaufend untertitelt, hat sie es thematisch immer wieder mit sozialen Themen zu tun: mit Ghetto-Problemen oder mit denen der Minderheiten-Befreiung.

Zum Journalismus, zum Schreiben, zu den definitiv gemachten Anfängen der Schriftstellerin hat es immer wieder erst einmal Anstöße von außen gegeben. Sie glaubt inzwischen, daß sie solche Anstöße braucht, um aktiv werden zu können. Aber dann erweist sich ihr große, geistige Beweglichkeit - wichtiges Kennzeichen eines kreativen Charakters - jedes Mal als ihr großes Plus. Lore Schaumann greift die Anregung auf, setzt sich damit auseinander, wird gepackt und steht dann unter dem fast manischen Zwang zu formulieren, sich mitzuteilen, Öffentlichkeit für „ihr“ Thema anzustreben. Man sollte viele Anregungen an Lore Schaumann herantragen!

Hat ihr Buch mit den Porträts von 44 Düsseldorfer Autoren für sie selbst eine Konsequenz; innerlich? Es war ihr erstes Buch. Von namhaften Schriftstellern hört man immer wieder, nach Beendigung einer Arbeit wären sie entweder überglücklich oder - häufiger - total ausgelaugt. Lore Schaumann sagt, am Ende jeden Jahres, in unseren tristen Wintern, sei sie bisher jedesmal in die gleiche, anhaltende Deprimiertheit gesunken. Am Ende des Jahres 1974, in diesem Winter allerdings, sei sie zufrieden, sei sie nun glücklich, weil sie etwas in der Hand hat.

Dieser Sachverhalt kann die von Lore Schaumann gefundenen, vorgestellten und zu einem von nun an nicht mehr verlierbaren Bestandteil von Düsseldorfs geistigem Fluidum gemachten Autoren deshalb doppelt ruhig machen. Sie haben dazu beigetragen, einen Menschen glücklich zu machen. Wenigstens mittelbar und für einen Winter; für diesen.

           (Klaus Ulrich Reinke in: »OFF«. Berichte aus der Düsseldorfer Szene   1960-1980. Hrsg. vom Kulturamt und Presseamt der Landeshauptstadt Düsseldorf. Wuppertal: Wasserloos Edition , 1980, ohne Seitenzahlen)

Ein Text von Lore Schaumann: Besuch bei Rose Ausländer

Düsseldorf-Golzheim, eine kurze stille Straße dicht am Nordpark; vom Nelly-Sachs-Haus schaut man überall ins Grüne. In diesem Elternheim der jüdischen Gemeinde wohnt seit 1973, als sie nach einem Unfall ständige Pflege brauchte, die Lyrikerin Rose Ausländer. Ihr Zimmer im vierten Stock hat ein Hospitalbett mit Nachttisch, im Kleiderschrank und auf der Kommode häufen sich die Papiere – ein dauerndes Provisorium, Krankenzimmer, Empfangsraum, Schreibwerkstatt. An der Wand ein paar leuchtende Bild-Akzente von HAP Grieshaber.

Rose Ausländer kann sich nur mühsam bewegen, meist liegt sie, von schwerer Schlaflosigkeit so sehr gequält, daß sie manchmal nicht weiß, wie sie durchhalten soll. Wer würde denken, daß in dieser Situation Gedichte entstehen? Aber sie wachsen aus dem Innenort verborgener Kämpfe, übersteigen ihn ins Zeitlose, sprechen aus einem existentiellen Kern unmittelbar in die Existenz anderer Menschen hinein. Da gibt es keine Spur von Wehleidigkeit, beschworen wird nicht nur das Paradies Erinnerung, sondern die gegenwärtige Kraft, sich zu erneuern, in verständlichen, leicht zu deutenden Worten und Bildern.

Von dieser Wirkung will ich diesmal mit Rose Ausländer sprechen. Die Verleihung des Ida-Dehmel-Preises und des Andreas-Gryphius-Preises hat erst kürzlich wieder mit ihren Daten bekannt gemacht: Aufgewachsen im altösterreichischen vielsprachigen Czernowitz, hochgespannte Geistigkeit des bürgerlichen Elternhauses, Beschäftigung mit den Lehren Spinozas und Constantin Brunners, Weisheit der Chassidim. Nach überstandenem Getto, nach deutscher und russischer Besatzung Emigration in die USA. Seit 1965 in Düsseldorf.

„Meine Wirkung?“ sagt sie und lehnt sich in die Kissen zurück. „Meine Wirkung hat alle Erwartungen übertroffen. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Das fing schon an mit meinem ersten Gedichtband Der Regenbogen. Ich wurde in Czernowitz sehr gefeiert. Aber auch aus Bukarest und aus dem Ausland meldeten sich bekannte und unbekannte Leser. Arnold Zweig schrieb mir aus Jerusalem, Hans Carossa aus Deutschland, Hermann Hesse aus der Schweiz. Ein halbes Jahr später brach der Krieg aus, und alles war zu Ende.“

Von der glücklichen Erfahrung dieses ersten Hervortretens spannt sich jetzt ein Bogen ins Düsseldorfer Krankenzimmer. Denn wieder schreiben viele, sehr viele Leser. Auf dem Tisch stehen rote Rosen eines unbekannten Verehrers: „Ich komme mir manchmal vor wie eine Märchenprinzessin, der man huldigt. Kein Tag vergeht ohne Post, herrliche Briefe manchmal. Zum Geburtstag war mein Zimmer ein Blumenmeer, und es kam eine Flut von Briefen und Telegrammen.“ Besonders rührte sie der Anruf einer Nonne, die ihr mitteilte, sie habe in ihrem Namen fünf Bäume in Israel pflanzen lassen. In New York hatte Rose Ausländer die Aufmerksamkeit der großen, von ihr verehrten amerikanischen Dichterin Marianne Moore gefunden, die ihr den Ehrenpreis des Wagner College verschaffte. In Deutschland haben sich Zustimmung und Interesse der Leserschaft von Band zu Band gesteigert: Wenig Echo auf den in Österreich erschienenen Blinden Sommer, öffentliche Anerkennung (Heine-Taler, Droste-Preis der Stadt Meersburg) für 36 Gerechte. Die Kollegen Piontek, Keller und Jokostra meldeten sich. Marie Luise Kaschnitz sagte bei einem Besuch: „Rose Ausländer, Sie schreiben ja viel bessere Gedichte als ich.“ Zu ihr fand sie sofort zwanglos vertrauten, brieflich und telefonisch fortgesetzten Kontakt; sie schrieb Rose Ausländer das Nachwort für den vielbeachteten Band Andere Zeichen.

Aber die stärkste Wirkung geht von den Gesammelten Gedichten aus. Gedichte werden ihr gewidmet, erschütternde Briefe stellen Fragen an sie, zur Verleihung des Gryphius-Preises kam ein junger Mann aus Heidelberg angereist, der einen Aufsatz über ihren Zeitbegriff geschrieben hat. Wie erklärt sie sich dieses Echo? „Ich habe, was man Wirklichkeit nennt, auf meine Weise geträumt, das Geträumte in Worte verwandelt und meine geträumte Wortwirklichkeit in die Wirklichkeit der Welt hinausgeschickt. Und die Welt ist zu mir zurückgekommen.“

Gut, aber der Mann, der aus dem Gefängnis schreibt, der Selbstmörder, dem ihre Lyrik geholfen hat – spüren sie nicht vor allem die verwandte und überwundene Notsituation? „Die Leute wissen doch gar nicht, dass ich krank bin. Sie fragen, was Poesie ist, warum ich schreibe, was mein zentrales Interesse ist.“ Die Antworten darauf hat sie schon oft formuliert: Sie schreibt, zunächst für sich, unter innerem Zwang, publiziert aber für ihre Mitmenschen. „Ich gehöre nicht mir selber.“ Lange Jahre beschäftigten sie die Erfahrungen der Verfolgung, des Exils und der Heimatlosigkeit. Ihr jüdisches Volk wird immer wieder zum Thema. Gegenstand ihrer Dichtung sind aber auch „Probleme über Leben und Tod, die Zeit im Sinn der Vergänglichkeit, der Dauer und unserer Zeit, Sprache, das Mysterium des Kosmos. Doch mein wesentlichstes Interesse gilt Frieden und Gerechtigkeit unter den Menschen.“

In diesem Sinne beantwortet sie jeden Brief, den unscheinbarsten und den des Professors aus Cincinnati, der über sie eine Arbeit veröffentlichen will. Sie hat wirkliche Freunde gewonnen. Und sie wundert sich über die eigenen unerklärlichen Reserven: „Alles ist ein Geheimnis.“ Zu ihrer Arbeitsweise befragt, sagt sie: „Ich schreibe fast nur nachts. Die erste Fassung steht in Gabelsberger Stenogrammschrift auf Zettelchen. Sie kristallisiert sich um einen Gedanken, einen Einfall. Manchmal steht der erste oder der letzte Satz fest. Nach Tagen, wenn ich Distanz gewonnen habe, nehme ich die Zettelchen wieder vor. Dann kann es sein, das Gedicht ist fertig, so wie es ist. Oder ich vertausche die erste und die letzte Strophe, schreibe um, verbessere. Ob es bleibt oder ob ich es wegwerfe, entscheide ich später.“

Von dem, was geblieben ist, haben sich bildende Künstler wie Otto Piene und Rupprecht Geiger anregen lassen. Der Freund HAP Grieshaber schuf zu dem Gedicht Die Arche einen Farbholzschnitt, der mit der dreisprachigen Fassung als Jahresgruß der Buchmesse in die Welt ging.

Rose Ausländer mischt in ihren Bänden Altes und Neues. Sie datiert ihre Gedichte nicht, sogenannte Entwicklungen aufzuzeigen ist daher schwierig. Sie weiß aber, daß in einem Jahr (war es 1973?) gar nichts entstanden ist, während ein anderes etwa 200 Gedichte brachte. Für den Auftrieb durch Preise ist sie ein lebendiges Beispiel. Die Äußerungen ihrer Leser haben ihr neue Kräfte gegeben: „Es ist wert, zu leben und zu schreiben.“ Das Tablett mit dem Abendessen wird gebracht, wir müssen unser Gespräch beenden. Und da kommt auch der Bruder aus New York herein. Sie hat ihn jetzt nach Düsseldorf holen können. 

(In: Der Wegweiser, Düsseldorf, 8/1977)

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