Symposium: Perzeptionslinguistische Perspektiven auf Mehrsprachigkeit: Einstellungen, Ideologien, Positionierungspraktiken

2.-3. Dezember 2016

Im medialen Diskurs über Migration, Multikulturalität und  gesellschaftliche Integration herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass Sprache und Sprachkompetenz in diesem Kontext eine bedeutende Rolle zukommt. (vgl. Busch 2013: 112-120; für den Diskurs in Österreich ausführlich Dorostkar 201, zur Deutschschweiz Flubacher 2014). Dabei liegt in diesem Konsens in aller Regel eine strikt instrumentelle und essentialistische Sicht auf Sprache zugrunde: Angenommen wird, dass der "Erwerb" der in der jeweiligen Gesellschaft (z.B. in Form einer offiziellen "Amtssprache") als allgemeine Verständigungssprache genutzten Sprache/Sprachform (in Deutschland z.B. der "deutschen Sprache", genauer: der Standardsprache) die entscheidene Voraussetzung dafür darstellen, dass sich kulturelle Vielfalt unproblematisch mit einem funktionierenden Gemeinwesen vereinbaren lässt. Während also dieser offiziellen Verständigungssprache in einem solchen Modell alle eher funktional-zweckorientierten Anforderungen an Sprache zugeschrieben werden, bleiben der jeweiligen "Herkunftssprache" bzw. den "Herkunftssprachen" (gleich, welchen Status diese im Repertoire der Sprechenden faktisch hat/haben) eher affektive und identitäsbezogene Aspekte vorbehalten. Mehrsprachigkeit wird somit - auf einem sprachideologischen Ordnungsvektor zwischen "Verständigung" und "Bindung" oder mit Ehlich (1998): zwischen teleologischer und kommunitärer Funktion - strikt indexikalisch stratifiziert (sensu Blommaert 2010: 37-39).

Sowohl aus linguistischer Perspektive als auch aus der Anwendungsperspektive inbesondere der DaZ-Praxis ergeben sich aus dieser Modellierung zahlreiche Fragen, darunter: Welchen unvermeidbaren Restriktionen - zum Beispiel hinsichtlich Lernermotivation und Lernerfolg (vgl. Dörney 2003) - ist ein Zweitspracherwerb unterworfen, der sich in dieser Weise auf instrumentelle Sprachfunktionen beschränkt? Wie prägt dies das Selbstverständnis und die Selbstverortung der beteiligten Akteuere? Welche Chancen hat das Projekt einer gesellschaftlichen "Integration durch Sprache" (wie auch immer man dieses beurteilen mag), wenn Sprachen hinsichtlich ihrer affektiven und kommunikativen "Brauchbarkeit" rangiert und dividiert werden? Zementiert eine solche funktionale Rangierung - ein solches "Sprachregime" (Coulmas 2005) - nicht sprachbedingte soziale Ungleichheit mehr als dass sie sie, wie sie vorgibt, abbaut? Und was sind die Alternativen? Sollen und können kommunitäre Aspekte beim Zweitspracherwerb stärker gewichtet, die funktionalen Potenziale der "Herkunftssprachen" (in Form eines mehrsprachigen Unterrichts) stärker betont, das besondere kommunitäre Potenzial der "Herkunftssprachen" bzw. das individuelle "Spracherleben" (Busch im Druck) für die gesellschaftliche Integration besser nutzbar gemacht werden?

Von der Beantwortung solcher Fragen durch die Angewandte Linguistik und der Umsetzung entsprechender Erkenntnisse in DaZ-Konzepten, wie sie zurzeit mehr denn je und schneller denn je gefordert sind, wird es abhängen, wie die Realität der Mehrsprachigkeit die zukünftige Gestaltung demokratischer Gesellschaften prägt. Umso schwerer wiegt, dass entsprechende Forschungskonzepte (wie z.B. gesprächsanalytisch ausgerichtet König 2014) gerade für die Verhältnisse im deutschen Sprachraum bislang kaum entwickelt wurden (vgl. für Ausnahmen etwa Busch 2013: 182-195; Dirim 2015). Nötig wäre neben der etablierten kompetenzorientierten Zweitsprachforschung eine systematisch-empirische einstellungs- und ideologieorientierte Forschung. Zu untersuchen und systematisch zu beschreiben wäre, mit welchen Werten und Einstellungen Mehrsprachige (mit einer anderen "Herkunftssprache" als Deutsch) Sprache allgemein, ihrer Herkunftssprache im Besonderen sowie schließlich auch anderen Sprachen begegnen und wie sie sich ihnen gegenüber positionieren. Um entsprechende Konsequenzen für die Praxis ziehen zu können, wären hier schließlich nicht nur erwachsene Sprecher, sondern gerade auch Kinder und Jugendliche zu erfassen (vgl. z.B. Plewnia/Rothe 2011; Portnaia 2013), was wiederum spezielle Forschungsansätze nötig macht, die in der Spracheinstellungs- und Sprachideologieforschung bislang noch nicht sehr etabliert sind.

Das Symposium möchte Möglichkeiten, Probleme und methodologischen Voraussetzungen einer solchen einstellungs- und ideologieorientierten Mehrsprachigkeitsforschung sowie nach Möglichkeit auch praktische DaZ-Ansätze zur Diskussion stellen.

Kontakt

Prof. Dr. Jürgen Spitzmüller

Universität Wien

Organisatorischer Hauptkontakt zur Tagung

Melissa Müller, B.A.

Universität Düsseldorf

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