Interkulturalität in der medizinischen Praxis

Projekleiter: Dr. Robert Mroczynski

Die medizinische Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund sowie die Beratung und Unterstützung ihrer Angehörigen gehören längst zum beruflichen Alltag von Ärzten und Ärztinnen: Gut ein Fünftel der in Deutschland lebenden Menschen (20,3%) hat einen Zuwanderungshintergrund, Tendenz steigend (Mikrozensus 2018). Patientinnen mit Zuwanderungsgeschichte erfahren häufig eine qualitativ schlechtere Behandlung, die negative Auswirkungen auf ihre Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und Gesundheit nehmen kann, und nicht zuletzt höhere Kosten für das Gesundheitssystem nach sich zieht. Daher ist es umso wichtiger, dass solchen interkulturellen Behandlungssituationen sowohl in der Forschung, als auch in der Aus- und Weiterbildung von medizinischem Fachpersonal mehr Beachtung geschenkt wird.

Im Rahmen der vom Strategischen Forschungsfond der HHU finanzierten Anschubfinanzierung für das Forschungsprojekt „Interkulturalität in der medizinischen Praxis“ wird das folgende Ziel verfolgt: Eine mit den Methoden der Angewandten Gesprächsforschung „Bestandsaufnahme“ der vielfältigen kommunikativen Hürden der Ärzte in Interaktion mit Patienten mit Migrationshintergrund zu erheben. Dazu wurden 445 Minuten (24 Arzt-Migrant-Interaktionen) aufgenommen. Nach der Datenaufbereitung mittels Dokumentation, Sichtung und Transkription, wurden die Daten mit der Methode der Angewandten Gesprächsforschung analysiert (vgl. Hartung (2011); Becker-Mrotzek/Brünner (1992); Meyer/Bührig/Durlank (2000)). Für die Datenanalyse stehen folgende Fragen im Fokus: Wie entstehen und worin bestehen die wichtigsten Kommunikationsprobleme in der medizinischen Praxis im Umgang mit Patienten mit Migrationshintergrund und wie gehen Ärzte damit um? Wie machen sich diese Probleme im Gespräch bemerkbar? Die erzielten (Vor-)Ergebnisse liefern erste Hinweise auf mögliche besonders saliente Kommunikationsprobleme, die anschließend im Rahmen des DFG-Projekts auf der Basis größerer Datenmenge genauer untersucht werden sollen. Eines der auffälligsten Ergebnisse ist, dass Ärzte häufig in Interaktionen mit Patienten mit Migrationshintergrund Schwierigkeiten haben, das wechselseitige Verstehen herzustellen und zu sichern. Sei es durch fehlende Rückfragen, durch ungeschickte Wortwahl oder unmarkierte Themenwechsel. Aus diesem Grund soll im geplanten DFG-Projekt der Schwerpunkt auf Verstehensdokumentation und Verstehensherstellung in nicht gedolmetschten Arzt-Migrant-Interaktionen gesetzt werden.

  • Hartung, Martin (2011): Gesprächsanalyse in der betrieblichen Praxis. In: Knapp, Karlfried et al. (Hrsg.): Angewandte Linguistik. Ein Lehrbuch. 3., vollst. überarb. und erw. Aufl. Tübingen / Basel: Francke, S. 313-333.
  • Becker-Mrotzek, Michael / Brünner, Gisela (1992): Angewandte Gesprächsforschung. Ziele – Methoden – Probleme. In: Fiehler, Reinhard / Sucharowski, Wolfgang (1992): Kommunikationsberatung und Kommunikationstraining. Anwendungsfelder der Diskursforschung. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 12-23. (Ein sehr früher, programmatischer Beitrag über Ziele und Arbeitsweisen der Angewandten Gesprächsforschung).
  • Meyer, Bernd / Bührig, Kristin / Durlanik, Latif (2000): Arzt-Patienten-Kommunikation im Krankenhaus: konstitutive Handlungseinheiten, institutionelle Handlungslinien. In: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit, Folge B (Nr. 2). Universität Hamburg: Sonderforschungsbereich Mehrsprachigkeit.
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